Der Verlierer

Warum kämpft einer immer weiter, obwohl er einfach nicht gewinnen kann?

Am Tag seines 33. Profikampfes steht Andy Thiele um 4.30 Uhr morgens auf, macht ein paar Liegestütze zum Wachwerden und geht zu Lidl zur Arbeit. Nach einer Acht-Stunden-Schicht fährt er mit dem Regional-Express nach Bernau, einer Kleinstadt nordöstlich von Berlin. Er wird dort an diesem Abend gegen einen Gegner kämpfen, von dem er weiß: Er ist 33 Jahre alt und Palästinenser. Er war angeblich vier Jahre im Gefängnis. Der Gegner kann nicht boxen und wird den Kampf in der zweiten Runde durch Niederschlag gewinnen.

Andy Thiele lässt sich fürs Verlieren bezahlen. Von seinen 32 Kämpfen als Profi gewann er einen. Meist durfte er nicht gewinnen, manchmal wollte er, aber konnte nicht, ein paar Mal fühlte er sich betrogen. Die Manager seiner Gegner kaufen sich die Siege, weil sie das Selbstbewusstsein ihrer Boxer steigern wollen oder um deren Kampfbilanz zu verbessern. Eine perfekte Bilanz ist wichtig, wenn ein Manager einen neuen Boxer aufbauen und vermarkten will.

Die Kampfbilanz von Thiele lautet 1-29-2: 1 Sieg, 2 Unentschieden, 29 Niederlagen.

Warum will ein Mensch ein Boxer werden?

Muhammad Ali wurde ein Boxer, weil er den Jungen verprügeln wollte, der sein Fahrrad gestohlen hatte. Mike Tyson wurde Boxer, weil er der kleine lispelnde Brillenträger war und die älteren Kinder in Brooklyn ihn auslachten. Diesen Männern fehlte etwas im Leben, das spürten sie, und sie wollten wissen, was es ist.

Du fängst mit dem Boxen an, weil du stark sein willst. Du wirst ein Boxer, weil du harte Muskeln willst und die bewundernden Blicke der anderen, denn die verächtlichen kennst du schon. Ein Boxer will sich über seinen Gegner erheben, für den Moment nur, aber der kann lange andauern, wenn der andere am Boden liegt und du über ihm stehst.

Warum wird einer Boxer?

„Ich kriege immer Applaus“, sagt Andy Thiele. „Ich habe fast alles, was man mitbringen muss: Nehmerqualitäten, gute Ausstrahlung.“ Warum gewinne ich nicht?, hat er einmal einen Matchmaker gefragt, so nennt man den Mann, der die Kämpfe organisiert. Andy, sagte der Matchmaker, kein Problem, leg das Geld auf den Tisch, verzichte auf deine Gage, dann gewinnst du.

Andy Thiele boxt in einem anderen Teil der Welt als die Brüder Klitschko, er kämpft nicht in Arenen oder im Spätprogramm von RTL. Wenn Thiele boxt, ist der Glamour weit weg. Sein Ring steht in Stadthallen und Autohäusern. Ruhm gibt es hier nicht, dafür unsaubere Schläge und, wenn du Glück hast, ein johlendes Publikum. Niemand fragt Thiele nach einem Autogramm.

Warum ist Thiele ein Boxer?

„Das Geld, klar“, sagt er, 100 Euro pro angesetzte Runde, das ist meist sein Preis, macht 400, manchmal 1200 Euro für einen Abend. „Und es ist immer ein Training. Ein Kampf ist immer ein Training.“

Thiele kämpft in Bernau an einem Samstagabend. Dort, in einer Mehrzweckhalle, werden die Zuschauer seine 30. Niederlage sehen. Er zieht die Schultern hoch, als er davon erzählt. Es wirkt wie eine Geste, die ihn das Boxen über die Jahre gelehrt hat.

Andy Thiele trägt eine schmale Brille, wenn er nicht im Ring steht, seine Haare sind nach oben gegelt. Sein Lächeln gibt eine kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen frei. Thiele lächelt oft. Die Augenhöhlen sind ein bisschen geschwollen, sonst erinnert nichts an das Gesicht eines Boxers.

Der erste schwere Knockout erwischte ihn in seinem dritten Kampf. Ein dummer K.o., sagt er heute, Lucky Punch. „Er trifft mich auf die Schläfe, ich kippe nach vorne und versuche noch, es aussehen zu lassen, als ob ich gestolpert bin.“ Der Ringarzt war gleich da. Komm, wir stehen auf, sagte der Arzt. Nee, lass mal liegenbleiben, sagte Thiele.

„Theoretisch habe ich immer eine Chance“, sagt Andy Thiele. „Was will er machen, wenn ich ihn umhaue?“ Er hat noch nie einen umgehauen.

Einmal übertrug der Fernsehsender Eurosport einen seiner Kämpfe. „Schon bewundernswert, wie Andy Thiele da immer noch mitmischt“, sagte der Kommentator. „Er hat Schwierigkeiten, nasse Papiertüten durchzuschlagen, aber: Er steht.“

Mensch Andy, sagten die Freunde, raste doch mal richtig aus! „Mein Problem ist mein Kopf“, sagt Thiele. „Ich denke zu viel nach. Ich will dem Gegner nicht weh tun.“

Thiele ist meist alleine unterwegs, beim Training, beim Kampf. In seiner Ecke steht dann ein Betreuer des gegnerischen Teams. Manchmal scheint es so, als wäre er auch der einzige, der an den Boxer in sich glaubt. Thieles Freundin sagt über einen Abend, an dem sie ihn kämpfen sah: „Als ob man in ein Flugzeug steigt und hoffen muss, dass man nicht abstürzt. Irgendwann ist er dann runtergegangen.“ Es mache keinen Sinn mehr, seit Jahren schon nicht, sagt sie, „aber damit muss er sich erst abfinden.“

Der Matchmaker, ein kleiner Deutsch-Türke mit Schnurrbart, holt Thiele in Bernau am Bahnhof ab. Der Gegner und sein Betreuer warten im Auto. Sein Gegner ist ein hagerer Typ mit rasiertem Kopf und Buckel, er hat die Augen eines ängstlichen Raubvogels. Er schaut sich ständig um wie einer, der nicht mal der eigenen Mutter vertraut. Thiele hat vor fünf Wochen gegen ihn Sparring gemacht und nach ein paar Runden den Mundschutz rausgenommen und weitergeboxt, um dem Gegner zu erklären, wie der es besser machen könnte.

Auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums stehen sich Thiele und sein Gegner an diesem Abend zum ersten Mal wieder gegenüber. Es geht um das Drehbuch. „Ich tue dir nicht weh“, sagt Thieles Gegner, „ich schlag nur auf den Körper.“

„Du kannst mir gar nicht weh tun“, sagt Thiele.

Ein paar Minuten später hat Thiele drei Hundert-Euro-Scheine in der Hosentasche. „Das macht echt den Sport kaputt“, sagt er leise. „Aber ich mach ja mit.“

Ein genaues Drehbuch abzusprechen, zweite Runde, Körpertreffer, das hat es selbst in Thieles Laufbahn selten gegeben. Thiele sagt: „Wer mich nicht klar und deutlich schlägt, der hat im Profiboxen nichts verloren.“ In manchen Momenten wirkt er so, als würde er sich selbst nicht verstehen.

Die Mehrzweckhalle in Bernau liegt in einem Neubaugebiet, gegenüber ist das Jobcenter. Thiele trägt eine Sporttasche über seiner Schulter und eine Lidl-Tüte in der Hand. Er hat sich auf der Arbeit ein Oktoberfest-Outfit gekauft, für seine Geburtstagsparty. Thiele wird in ein paar Wochen 30.

„Ah, die Tschechen-Connection ist auch schon da“, sagt Thiele und deutet auf einen silbernen Minivan mit Dachlader: „Czech Boxing Team“, steht auf der Tür. Die Tschechen, sagt Thiele, kommen, das Auto voll, über die Grenze, legen sich für ein paar Hundert Euro im Ring hin und fahren dann wieder zurück. „Das hat mit Boxen nicht zu tun“, sagt Thiele. „Die stehen nur in Angsthaltung da. Da siehst du nicht eine Kombination. Bei mir sieht man wenigstens, dass ich eigentlich boxen kann.“

In der Nacht hat Andy Thiele vom Kampf geträumt. Er hat den Araber umgehauen, entgegen der Absprache, und dann hat er ihm die Geldscheine auf den Bauch geschmissen. „Das müsste ich echt bringen.“ Thiele lacht. „Aber wer weiß, was die dann abziehen.“

Auf dem Weg zur Halle ruft Verena an. „Nein, Schatz, wirklich… Du brauchst für den Käse nicht extra kommen… Halb neun bin ich spätestens im Ring, und zwei Minuten später bin ich wieder raus… Ach, nein. Das ist doch ein Drehbuch… Alles gut. Der Typ hat mehr Schiss als ich. Wirklich.“

Dass ihr Freund sich verkaufe, das gefalle ihr nicht, sagte Verena vor dem Kampf, als Thiele nicht dabei war. „Warum soll er weiter seine Gesundheit aufs Spiel setzen? Wie bei diesem bösen Kampf damals.“

Am 17. Juni 2010 strahlte die Sonne über Kiel. Eine Open-Air-Veranstaltung. Andy Thiele boxte im Hauptkampf gegen Hamid Rahimi. Zwölf Runden, ein Intercontinental-Titel im Mittelgewicht des kleinen Verbandes „Global Boxing Council“.

Es gibt ein Video bei YouTube, es heißt „Hamid Rahimi Titelkampf“. Man erfährt in dem Video nichts davon, dass Thiele bis eine Woche vor dem Kampf einen Gips um die Hand trug, dass er kaum trainiert hatte. Was man sieht: wie Rahimi in der ersten Runde mit Innenhänden auf Thiele einschlägt, mit unsauberen Kopfhaken, auch dann noch, als der sich wegdreht. Thiele bleibt irgendwie stehen, erholt sich wieder, Rahimi wird müde, es geht bis in die elfte Runde. Elf Runden Boxen ohne Vorbereitung. „Da hatte ich echt Glück“, sagt Andy Thiele.

Das Ende des Videos guckt er sich nie an. Rahimi drischt auf ihn ein, Thiele bricht zusammen, sein Betreuer führt ihn zum Hocker in der Ringecke wie einen Besoffenen. Die Zuschauer johlen. Rahimi lässt sich feiern. Dann schaut er rüber zu Thiele und ruft: „Hey, hey, hol mal einer den Rettungswagen!“

Ein Riss im Schädel, eine Einblutung ins Gehirn, das ist die Diagnose. Die Ärzte verlegen Thiele auf die Intensivstation. Nach drei Tagen entlässt er sich selbst.

Wochenlang schluckt er zu jeder Mahlzeit Schmerzmittel, drei Mal täglich 800 Milligramm Ibuprofen, und hat trotzdem noch Kopfschmerzen. Fünf Monate später steht Thiele wieder im Ring, Autohaus König, Berlin-Tempelhof, technischer K. o. in der 3. Runde. „Ich hatte das Geld damals nötig“, sagt er.

Bernau, eine halbe Stunde vor dem Kampf. Thiele packt in der Kabine seine Handschuhe aus. Hose und Schuhe hat er nicht dabei. „Nicht gefunden“, sagt er. Als hätte er das Boxen teilweise schon hinter sich gelassen.

Der Matchmaker leiht ihm ein schwarzes Paar Schuhe, Größe 42, eine Nummer zu klein. Thiele zeigt den anderen seine Handschuhe. „Aus Lugano“, sagt er. Bei einem Titelkampf dürfen auch die Verlierer die Ausrüstung behalten. „Lugano, supertoll da“, sagt Thiele, „die Natur, der See, die ganzen Ferraris.“ Das war sein erster Zwölf-Runden-Kampf damals, eine knappe Punktniederlage. „Hat den Kampf nicht widergespiegelt, das Ergebnis“, sagt Thiele. „Ein guter Kampf. Ich war gekaufter Gastgegner.“

Die Leone-Handschuhe sind weiß, schlank und gut verarbeitet, die italienische Flagge ist aufs Handgelenk genäht. Einer der anderen Boxer, ein junger Türke, streift sich den rechten über und schlägt sich damit in die flache Hand. „Die sitzen richtig bombe, Alter!“ – „Gegen wen boxt du?“, fragt Thiele ihn. – „Tschechen.“ – „Hau ihn nicht gleich um. Probier was aus.“ – „Krass, wie gut die sitzen, die Dinger. Leihst du mir die?“ – „Wann bist du dran? Siebter Kampf? Da bin ich schon weg.“ Thiele dreht den Kopf zur Decke. „Tscheche, Tscheche“, sagt er. „Ich will auch mal gegen einen Tschechen boxen. Aber die wollen alle nicht.“

„Kein Problem“, sagt der Betreuer seines Gegners und reibt Daumen an Zeigefinger. „Gar kein Problem. Hängt nur vom Geld ab.“

Kann man auf einen gekauften Sieg stolz sein? Und wichtiger noch: Kann man stolz sein, wenn man weiß, dass man verliert? Und wie man verliert? Es ist diese Frage, die sich Andy Thiele an diesem Wochenende immer wieder stellt, manchmal auch laut. Der Gedanke arbeitet in ihm.

Zwei Stunden vor seinem Kampf sitzt er beim Griechen, Restaurant Athos, ein paar Schritte von der Halle entfernt, vor sich auf dem Tisch steht ein Kräutertee. Thiele erzählt von den Anfängen, von vielen Schulhof-Prügeleien, der frühen Scheidung der Eltern. „Mein Vater hat geboxt“, sagt Thiele. Der Vater verließ die Familie, als Andy klein war. Die Mutter verbot ihrem Sohn das Boxen.

Thiele erlebte viel Gewalt als Kind. Er will nicht, dass geschrieben steht, wer ihn schlug. Einmal musste er ins Krankenhaus zur Behandlung.

Er kam auf ein Berufsschul-Internat in Schönebeck bei Magdeburg. Er war ein schmaler Junge mit wenig Selbstbewusstsein. Ein Opfer. Er sah den Aushang vom Boxverein. So oder so ähnlich beginnen die Geschichten vieler großen Boxer, und eben auch die Geschichten der Verlierer.

„Ich mag das Gefühl beim Boxen, die Halle klatscht, das sind Leute, die dich gar nicht kennen“, sagt Andy Thiele. „Das ganze Feeling. Das Taktieren im Ring. Das ist unbeschreiblich. Ich will auch was zeigen.“ Thiele versteht etwas vom Boxen, er kann lange über verschiedene Ring-Strategien reden, er steht nachts auf, weil er sich Kämpfe aus den USA anschauen will. Als er in Bernau beim Griechen sitzt und erzählt, mit strahlenden Augen, wird klar, er liebt das Boxen. Und eine Frage wird immer größer: Warum betrügt er diesen Sport?

Thiele erinnert sich an das Gefühl des Sieges. 31. Mai 2008, Halle, Sachsen-Anhalt, so steht es in der Statistik, ein grünes W dahinter, „Win“. Punktsieg, vier Runden. Ein ehrlicher Erfolg, sagt Thiele. Es fühlte sich gut an. Würde er gerne mal sehen, den Kampf, aber es hat damals keiner mitgefilmt.

Thiele redet und redet. Er spricht von einem Fußballspiel, bei dem er mitspielte. 0:7 stand es gegen Borussia Genthin, Thieles Mitspieler ließen die Köpfe hängen. Nur Thiele lief immer weiter, verzweifelt, wütend. Am Ende schoss er das 1:7.

Es sind nur noch ein paar Minuten, bis es losgeht in Bernau. In der engen Kabine reibt sich einer die Arme mit scharfem Balsam ein. Thieles Gegner, Rundrücken, Angstaugen, läuft zwischen den Bänken auf und ab, anderthalb Schritte hin, anderthalb zurück. Thiele wirkt ruhig, wie ein Mann, der einen Entschluss gefasst hat und weiß, dass es der richtige ist.

Er bekommt eine SMS von Verena: „Kannst du mir bitte schreiben, wenn es vorbei ist?“

Der Ansager trägt Smoking und Lesebrille. „Making his way to the Red Corner!“, ruft er ins Mikrofon. „Welcome, Andy Thiele!“ Er trägt ein graues Tanktop über der geliehenen Hose und läuft quer durch die Halle zum Ring. Vom Band singt Donna Lewis „I love you, always forever“. Ein paar Sponsoren-Plakate hängen an der Wand: Toom Baumarkt, McDonald’s, Zweirad-Spezialist, Zahnklinik Bernau, Boxen stoppt Gewalt. Dann marschiert Thieles Gegner ein, zu schweren Riffs und Bässen. Die Halle ist fast leer, keine 100 Leute sind da, kaum jemand klatscht.

Gong. Die beiden Boxer bewegen sich umeinander. Der Gegner versucht eine Links-Rechts-Kombination zum Kopf, aber seine Beine machen nicht mit. Dann landet ein sanfter linker Haken auf Thieles Körper. Thiele kniet sich hin und verzieht das Gesicht. Der Ringrichter zählt ihn an.

Thiele geht noch vier weitere Male zu Boden, ohne einmal hart getroffen worden zu sein. Nach 1:17 Minute in der zweiten Runde ist Schluss. Der Ringrichter hebt den Arm seines Gegners. Der schaut nach links und rechts, aus den Augenwinkeln, wie einer, der gerade aus dem Supermarkt kommt, die Arme voll geklauter Waren.

„Sah gut aus“, sagt der Betreuer von Thieles Gegner auf dem Weg in die Kabine. „Aber warum lässt du dich das dritte Mal anzählen? Den hätte er da schon abbrechen müssen, normal.“

„Ich hoffe“, sagt Thiele, nachdem er geduscht hat, „man hat wenigstens gesehen, dass ich ihm überlegen war.“ Dann schüttelt er den Kopf. „Schade für den Sport.“

Durch die Dunkelheit läuft Andy Thiele die Hauptstraße entlang zum Bahnhof Bernau. Die weißen Leone-Handschuhe hat er dem jungen Türken gegeben, für seinen Kampf gegen den Tschechen. „Die gibt er mir wieder“, sagt Thiele. Ein Trabbi-Cabrio fährt vorbei und verschwindet hinter der nächsten Ecke. Dann hört man nur noch den Atem des Kämpfers in der Nachtluft.

Warum wird ein Mensch ein Boxer?

Weil er gewinnen will. Aber auch weil er wissen will, wer er ist. Im Ring gibt es keine Ausreden. Dort musst du zeigen, aus was du gemacht bist.

Thiele hat den Boxsport verraten durch seine gekauften Niederlagen. Und wer ihm an diesem Abend in Bernau in die Augen schaut, sieht, dass er selbst am meisten darunter leidet.

Aber es gibt auch die Kämpfe, die Thiele gewinnen will und in denen er es versucht. Kämpfe wie den in Kiel gegen Hamid Rahimi, der ihm mit seinen Fäusten den Schädel brach. Im Video, das den Kampf zeigt, gibt es eine Szene, die vielleicht ein wenig darüber verrät, warum Thiele sich dieses Leben antut. Ganz am Ende steht Rahimi mit dem Ringrichter in der Mitte des Rings und ein Sprecher ruft ihn als Sieger aus. Dann ruft der Ringsprecher: „Sehr verehrte Damen und Herren, ich bitte auch kräftig um Applaus für Andy Thiele.“ Die Zuschauer klatschen. Für sie ist auch der Verlierer ein Sieger, weil er Mut gezeigt hat und Charakter.

Im Hintergrund des Videos, in der Ringecke, in sich versunken, unfähig aufzustehen, sitzt Thiele, hebt mit gesenktem Kopf die Hände nach oben und applaudiert sich selbst. Er hat standgehalten.

Thiele weiß, egal wie oft er auf dem Ringboden lag, gebrochen hat ihn keiner. Er weiß, wer er ist. Und an diesem Abend, so wirkt es, hat er gelernt, wer er nicht sein will.

Er geht still die Straße entlang, die nach Hause führt, aus dem Dunkel tauchen die Lichter des Bahnhofs auf. Er sagt: „Jetzt ist wirklich Feierabend.“

Zwei Wochen später schreibt Andy Thiele eine SMS. Es geht um den Abend in Bernau. In der Nachricht steht nur ein Satz: „Das war mein letzter Kampf.“

Ein halbes Jahr später steht ein weiterer Kampf in seiner Bilanz. Abbruch in der zweiten Runde. Ein alter Kumpel brauchte einen Sieg.

(erschienen in “Knockout: Die 20 besten Geschichten vom Boxen”, Hrsg.: Takis Würger, Ankerherz, Hamburg 2015)

“Der Gewinner wäre der Verlierer”

- Wladimir Klitschko über Ali, Messi und das Schwimmen

Berlin (dapd). Am 10. November verteidigt Wladimir Klitschko in Hamburg seine Schwergewichtstitel gegen Mariusz Wach aus Polen. Im Exklusiv-Interview mit dapd-Korrespondent Johannes Ehrmann erklärt der 36-jährige Boxer, warum er St.-Pauli-Fan ist, im Training am liebsten schwimmt und Ali für ihn der “Größte” ist.

dapd: Wladimir Klitschko, Sie starten Anfang Oktober in die Vorbereitung auf Ihren WM-Kampf gegen Mariusz Wach am 10. November. Was ist die schlimmste Übung im Trainingslager?

Wladimir Klitschko: Schwimmen. Es ist noch anstrengender als Boxen. Ich schwimme zweimal die Woche, sehr schnell, Sprint, für die Kondition.

dapd: Welches Übung gefällt Ihnen am besten?

Klitschko: Auch Schwimmen. Es ist am schwierigsten und am schönsten, weil du versuchst, die Technik zu meistern, zu gleiten. Es geht nach Zeit, dazwischen kurze Pausen, eine Minute, wie im Kampf. Immer schneller zu werden, ist die Herausforderung, die ich mag. Und natürlich Sparring. Es macht Spaß, draufzuhauen (lacht). Es ist spannend, man läuft Gefahr, getroffen zu werden. Man hat viel Adrenalin, es ist wie ein kleiner Kampf.

dapd: Welche Schlagzeile werden wir am Tag nach Ihrem nächsten Kampf in der Zeitung lesen?

Klitschko: Ich bin kein Nostradamus, daher weiß ich das nicht genau. Mein Ziel: Den Kampf trotz der Größe meines Gegners (2,02 Meter, Anm. d. Red.) so klar zu dominieren, dass ich ihn am Ende ausknocken kann.

dapd: Viele sagen, das Schwergewicht sei zu langweilig. Sind die Klitschkos zu stark für das Schwergewicht oder ist das Schwergewicht zu schwach für die Klitschkos?

Klitschko: Das Dilemma wird sich auflösen, wenn wir zurückgetreten sind.

dapd: Mike Tyson sagte kürzlich, er hätte keine Chance gegen Muhammad Ali gehabt. Hätten Sie Ali in seiner besten Zeit geschlagen?

Klitschko: Auf keinen Fall. Ali ist eine Legende, eine Ikone. Ali ist ‘the greatest of all time’. Ich verstehe Tysons Aussage, es ist genau die richtige, und ich respektiere ihn jetzt umso mehr. Ich kann mich nicht hinstellen und behaupten, ich hätte Joe Louis geschlagen oder Schmeling. Man muss die Champions mit Respekt behandeln und sie in ihrer Zeit lassen.

dapd: Was bewundern Sie besonders an Ali?

Klitschko: Dass er in den Zeiten gelebt hat, in der sich die Welt wahnsinnig verändert hat. Es ging um den Krieg in Vietnam, und er sagte ‘Nein’, als ganz Amerika dafür war. Das war sehr provokant. Für alles, was er außerhalb des Rings gemacht hat, gegen Rassismus, für die Schwarzenbewegung. Man muss wirklich ‘cojones’ haben, um das durchzuziehen.

dapd: Was müsste passieren, dass Sie doch noch mal gegen Ihren Bruder Witali in den Ring steigen?

Klitschko: Der Gewinner wäre der Verlierer. Und keiner von uns will das sein. Außerdem würde unsere Mutter das nicht überleben. Garantiert nicht.

dapd: Im Ring: lieber rote oder lieber blaue Ecke?

Klitschko: Eigentlich egal, aber die rote Ecke gehört dem Champion, also ist die Antwort klar.

dapd: K.o. in der ersten oder in der zwölften Runde?

Klitschko: Beides ist gut. Eddie Chambers habe ich in den letzten Sekunden in der Zwölften ausgeknockt. Und bei Witali gab es K.o. in der ersten Runde gegen Odlanier Solis in Köln. Beides ist spannend.

dapd: Milz- oder Leberhaken?

Klitschko: Der Leberhaken ist ganz schwer zu landen, aber wenn er klappt… (lächelt)

dapd: Nach der Karriere: Penthouse oder Bauernhof?

Klitschko: Jetzt Penthouse, danach mal sehen (überlegt). Man sagt, es zieht die Menschen im Alter aufs Land. Wichtig ist vor allem, dass man auf dem Land ist und nicht darunter und die Blumen hochdrückt… (lacht)

dapd: Wie wird der Titel Ihrer Autobiografie lauten?

Klitschko: “Klitschko”. Das reicht.

dapd: Boxen Sie noch mit 40 Jahren wie Ihr Bruder?

Klitschko: Ich habe einen Traum: Noch eine Teilnahme an den Olympischen Spielen. Beim nächsten Mal bin ich 40, genau an der erlaubten Altersgrenze.

dapd: Boxen Sie noch mit 45 wie George Foreman?

Klitschko: Ich hoffe nicht. (Kurze Pause) Ich hoffe, ich muss nicht.

dapd: Fußball: HSV oder St. Pauli?

Klitschko: St. Pauli, definitiv. Egal ob sie gewinnen oder verlieren, sie freuen sich, dabei zu sein. Beim HSV sind alle jedes Mal bitter enttäuscht, wenn er verliert. St. Pauli ist ein Volksverein.

dapd: Dortmund oder Bayern?

Klitschko: Bayern.

dapd: Messi oder Ronaldo?

Klitschko: Messi. Weil er der Underdog ist, der sich hochgekämpft hat.

dapd: Wenn Sie spielen: Stürmer oder Libero?

Klitschko: Torwart. Er ist der wichtigste Mann auf dem Feld.

Die Rückkehr des Königs

- Arthur Abraham ist nach überzeugender Leistung erneut Boxweltmeister

Berlin (dapd). Während der neue Weltmeister Arthur Abraham hoch oben auf den Ringseilen stolz seinen funkelnden WM-Gürtel präsentierte, mühte sich sein Promoter abseits des Geschehens um Fassung. Ja, er sei sehr nervös gewesen, nervöser noch als gewöhnlich, gestand Wilfried Sauerland mit belegter Stimme, und zwei kleine Schweißtropfen platschten ihm wie zur Bestätigung aufs Revers. “Erst ab der fünften Runde habe ich mich etwas zurückgelehnt, weil ich merkte, dass Arthur das Ding in der Tasche hat.”

Abraham, 32 Jahre alt, ist seit Samstagabend Boxweltmeister im Supermittelgewicht. Nach teils desaströsen Erfahrungen in dieser Gewichtsklasse hat der ehemalige Mittelgewichts-Champion sich selbst und sein Umfeld versöhnt. “Wir waren sehr weit unten, und heute Abend sind wir wieder ganz, ganz oben”, schwärmte Manager Kalle Sauerland, der Sohn des Promoters. “Die letzten beiden Jahre waren eine harte Zeit, ich habe viele Tiefschläge erlebt”, sagte Abraham. “Jetzt bin ich glücklich.” Arthur Abraham hat der Last der Erwartung an diesem Abend in Berlin gegen den zähen Robert Stieglitz standgehalten und einstimmig und eindeutig nach Punkten gewonnen.

“Wenn das anders gelaufen wäre heute, ich weiß nicht, wie ich aus dem Tief wieder rausgekommen wäre”, gab sein Trainer Ulli Wegner unumwunden zu. “Arthur hat heute die taktische Linie verfolgt, die wir festgelegt hatten”, lobte der Coach. “Wenn er das macht, kann bei ihm nichts schiefgehen.”

Abraham hatte sich, Teil eins der Taktik, gleich in der ersten Runde mit mutigen Angriffen Respekt verschafft. Stieglitz versuchte mit- und zurückzuschlagen, aber er bekam zunehmend Respekt vor den wuchtigen Haken seines Gegners, er lief ihm auch zunehmend in Konter. Abraham startete außerdem, dies Teil zwei des Schlachtplans, zur Rundenmitte stets eine kleine bis mittelgroße Offensive. Zweite Rundenhälfte gewinnen, beeindruckende Schläge landen, das bedeutet bei den Ringrichtern ja meist: Ganze Runde gewonnen. “Ja, genau das haben wir trainiert”, sagte Wegner.

“Für mich haben Kleinigkeiten den Punktsieg ausgemacht”, sagte Trainer Dirk Dzemski stellvertretend für seinen Schützling, dessen tiefe Cuts nach dem Kampf noch versorgt werden mussten. “Ab der siebten Runde hat er auf dem linken Auge nichts mehr gesehen.” Am Sieg Abrahams gebe es nichts zu rütteln, sagte er weiter.

Man konnte hinterher mutmaßen, dass Stieglitz schon beim Einmarsch klar wurde, dass der ganze Abend eine Nummer zu groß für ihn war. Die Arena stand klar auf Seite Abrahams, der Magdeburger aus dem kleinen SES-Stall wirkte nicht nur wegen des Einmarsch-Schlagers von DJ Ötzi ein wenig deplatziert in der weiten Glitzerwelt der Hauptstadt, in deren größter, modernster Halle geboxt wurde. Es muss auch dem 31-Jährigen daher früh klar geworden sein, dass das kein Abend war, der auf eine Titelverteidigung ausgelegt war, sondern auf eine Titeleroberung.

“Robert wurde auf keinen Fall deklassiert”, wollte Promoter Ulf Steinforth klargestellt wissen, als zu später Stunde um die Ausdeutung der Niederlage gefeilscht wurde. Nach einigen Zwischenkämpfen soll er ja vertragsgemäß die Revanche gegen Abraham erhalten.

Dieser wiederum soll zunächst am 15. Dezember in Nürnberg boxen. Ob der Gegner dort eventuell Felix Sturm lautet, der sich vor dem Kampf offensiv ins Spiel gebracht hatte, blieb offen. “Naja, er wird sich das heute angeschaut haben”, sagte Kalle Sauerland mit leicht hämischem Blick, “und jetzt wird er sich das sicher noch mal überlegen.”