Alles dreht sich

«Am Geländer vor dem Freefall-Tower lehnt ein Platzanweiser, die halb gerauchte Kippe in der Linken, eine Spiegelbrille im Gesicht mit einem Ausdruck irgendwo zwischen stoisch und Leckt-mich-doch-alle. Stell dir vor, es ist Kirmes, und keiner geht hin. Bleiben die Leute etwa zu Hause, weil sie sich nicht mehr hierher trauen, aus Angst?»

Meine verlorene Stadt

«Nur noch ein paar Tage, dann ziehen wir weg von hier, in unser neues Zuhause. Ich verliere dann das, was so lange meine Heimat war. Den Mauerpark. Die Nähe zum Alex. Den Blick auf den guten, alten Fernsehturm, das ist fast das Schlimmste. Seine Ruhe und Unverrückbarkeit. Die Gewissheit, dass er immer da ist, hinter der nächsten Ecke, am Ende der Straße.»

Lass gehen

«Treffpunkt Pressekiosk an der Metrostation Barbès- Rochechouart im Norden von Paris. Genau in dem Moment, als der Schriftsteller Wilfried N’Sondé vor dem Kiosk auftaucht, stellen sich zwei Zivilfahnder zwei jungen Männern in den Weg. Die Ausweise, bitte. Irritierte Blicke. „Immer was los hier“, sagt N’Sondé.»

Wilder, Weiter, Wedding

«Mit der Hässlichkeit geht es schon mal los. Dieser Beton. Dieser Asphalt. Die Müllerstraße: der Schering-Klotz. Karstadt! Und dann biegt man um die Ecke, und dann wird es plötzlich Licht. Bitte was? Ein antiker Tempel, der da dem räudigen U-Bahnhof Pankstraße trotzt. Strahlende Schinkelkirche St. Paul. Vier Säulen für ein Halleluja. Heller Stein, hohe Türen. Schlichtheit. Schönheit. Aha? Ist das jetzt hier die Toskana?»

Das andere Finale

«Erwartungen?, hat Rob Sutherland gesagt, am Bahnhof East Croydon, Platform 2, ich erwarte eigentlich gar nichts. Doch kein Mensch denkt jetzt mehr an das ‘Que sera’, das sie vorhin vor dem ‘Green Man’-Pub geschmettert haben, gegenüber auf dem Hügel, wo es Zuversicht in Plastikbechern zu kaufen gab, vier Pfund das Pint. Whatever will be, will be? Fuck that.»

Eine richtige Postbotin

«Du willst die Post austragen, haben sie gefragt und gelacht, du, ein Mädchen, ein türkisches Mädchen? Na klar, hat sie gesagt, unsere Ministerin ist doch auch eine Frau, was ist schon dabei. Nazan Özbek lacht. 1993 war das, die Türkei hatte eine Frau als Ministerpräsidentin, und der Wedding hatte eine türkische Postbotin.»

Der Verlierer

«Theoretisch habe ich immer eine Chance, sagt Andy Thiele. Was will er machen, wenn ich ihn umhaue? Aber er hat noch nie einen umgehauen. Mensch Andy, sagten die Freunde, raste doch mal richtig aus! Mein Problem ist mein Kopf, sagt Thiele. Ich denke zu viel nach. Ich will dem Gegner nicht weh tun.»

Sex, drugs & futebol

«Wer bist du, Heleno de Freitas? Womanizer, Prinz von Rio, tags Unglaubliches auf dem Feld, nachts noch Unglaublicheres mit den Frauen, Hitzkopf, Bohemien, Brasiliens größtes Talent vor Pelé. Spitzname: Verfluchter Prinz. Ein Mann wie ein Vulkan, der Ausbruch, die Krankheit, das viel zu frühe Ende. Wer bist du, Heleno?»

Wir sind Helden

«Helden, sagt Marwan, kenn ich. Hatten wir neulich in Englisch: HEROES! Marwan spricht das fremde Wort langsam und vorsichtig aus, aber wen er aufgeschrieben hat, weiß er jetzt gerade auch nicht mehr. Ist vielleicht die Aufregung. Man muss das verstehen, es ist Marwans erstes Interview. Es ist der Tag nach seinem zwölften Geburtstag…»

Kosova! Kampion!

«Willkommen in meiner Heimatstadt, Mann!, sagt Alban, die Arme so weit, als müsste die ganze Welt hineinpassen. Ein glücklicher Kosovare mit Schiebermütze, Vollbart und buntem Halstüchlein. Auf der Fahrt hat alle fünf Minuten jemand angerufen, wo treffen wir uns, seid ihr schon unterwegs, auf der Ablage die Sportzeitung mit den großen Lettern: Auf geht’s, Kosovo!»