Invincible

2004 schaffte Arsenals Weltauswahl das Unmögliche: ein Jahr Premier League ohne Niederlage. Längst aber ist Londons Avantgarde in der Geldflut verschwunden (11FREUNDE Spezial, Frühjahr 2016)

Wir müssen natürlich mit diesem Tor anfangen.

Mit dem Tor des Königs.

Frühling ist es, April 2004, alles steht auf dem Spiel und der König steht am Mittelkreis. Er steht da halblinks hinterm Kreis, ganz locker und easy, und wartet auf den Ball. Und er kriegt ihn, auf den rechten Fuß, seinen goldenen Fuß, und dann joggt er los. Die anderen stehen da, in Schwarz-Weiß, und der Deutsche ist der erste. Steht da, der Deutsche, breitbeinig und steif und deutsch, und checkt viel zu spät, wie der König schon immer schneller wird, sieht aus wie ein Morgenläufer im Park und ist doch schon ein Gepard, und Hamann the German merkt es jetzt erst und rutscht und grätscht und trifft nur sich selbst, und dann fällt er auf die Schnauze.

Klatscht einfach lang hin.

Da ist der König schon am Strafraum. Sechzehn Meter noch, und auf der Kreidelinie steht der Scouser. Steht da und zuckt ein bisschen wie ein Kaninchen im Spotlight. Und der König macht es leicht, ganz leicht, legt sich den Ball nach innen, scheinbar, schießt, scheinbar, und schießt schon wieder nicht, und Carragher the Scouser verliert alles, was er mal hatte, das Gleichgewicht und seine Würde, er fällt und knallt seinem Kollegen vors Knie, Jamie Carragher, eben ein Fußballprofi, jetzt eine Marionette mit verhedderten Schnüren.

Und jetzt stehen sie ganz alleine am Fünfmeterraum, drei Rot-Weiße, und die beiden anderen weichen zurück, und Thierry Henry, der König bringt es zu Ende, wie nur er es zu Ende bringen kann, flach, mit der rechten Innenseite, wie ein Kurzpass, unhaltbar ins lange Eck.

Sein Tor.

3:2. Arsenal führt wieder. Arsenal wird nicht verlieren. Nicht heute, gegen Liverpool, Henry macht noch das vierte, nicht übermorgen in Newcastle, nicht in zwei Wochen bei den alten Freunden von der White Hart Lane. Nein, Arsenal wird gar nicht mehr verlieren. Die Gunners werden Meister und keiner wird sie schlagen. Das wissen sie jetzt.

Sie haben das Triple verzockt in dieser einen, schlimmen Aprilwoche, das ja, Samstag gegen United, Dienstag gegen Chelsea, aber jetzt ist es vorbei, sie führen wieder und sie werden jetzt nicht mehr verlieren, nicht in der Liga, nicht in diesem Jahr. Sie werden bis zum Ende gehen, das wissen sie jetzt wieder, die Fans und die Spieler, ungeschlagen in 38 Spielen in der besten Fußballliga der Welt, und Thierry Henry hat ihren Glauben gerettet, Henry, The King, wer sonst, wer sonst.

THE INVINCIBLES, das sind sie, das werden sie für immer sein, dieses Team des Arsenal Football Club von 2003/2004, gecoacht von Henrys Landsmann Arsène Wenger, dem Fußballirren, der sich das eben einfach in den Kopf gesetzt hat, eine perfekte Saison, schon zwei Jahre zuvor hatten sie kein einziges Auswärtsspiel verloren, aber der Boss war noch nicht zufrieden. Meister, nun gut. Aber es muss doch immer noch besser, noch perfekter gehen, chers messieurs, il faut, il faut. Fast hätte er alles zerstört damit, der strenge Elsässer, die Spieler haben ihm schon die Schuld an der verpassten Meisterschaft 2003 gegeben, es hilft nicht, es geht nicht gut, too much pressure, Boss.

Und überhaupt, wer nimmt sich so was vor?

Etwas, das undenkbar ist, nie da gewesen im modernen Spiel im Heimatland des Fußballs, seit 1889, Preston North End. Sie sind die einzigen, die es vorher geschafft haben, aber, bei aller Liebe, das waren nur 22 Spiele, und das war 1889.

INVINCIBLE, in dem Wort steckt noch das erhabene Latein von ganz, ganz früher, die Sprache der Legionäre und Gladiatoren. Ein Wort wie in Marmor gemeißelt. Ein Wort, das eine goldene Trophäe verdient, bis heute die einzige, die von den Herren der Premier League je in Auftrag gegeben worden ist. Eine goldene Equipe, ein goldenes Jahr. Die letzte Meisterschaft, der letzte große Titel von Arsenal bis auf weiteres, ein frühes letztes Hurra in Wengers immer noch andauernder Amtszeit.

VINCERE, das heißt siegen, aber auch: seinen Willen durchsetzen.

Wie also bleibst du ein Jahr ungeschlagen?

Du kaufst Spieler, die es hassen, hassen, HASSEN, zu verlieren.

Gestatten, Jens Lehmann und Sol Campbell. Gestatten, Kolo Touré, Freddie Ljungberg und Patrick Vieira. Salut, Thierry Henry und Dennis Bergkamp. Heute schon verloren, Ray Parlour, Martin Keown? Wollte schon sagen.

Und dann noch dieser Manager, der das Spiel auf der Insel einmal auf links zieht. Der selbst beim Mittagessen noch ans Gewinnen denkt, chew to win, kauen, kauen, erinnert er die Spieler, sonst fährt der Körper zu sehr runter, die Leistung, die Leistung.

„Der Fußball kann Glück und Schönheit bringen, unerwartet. Etwas, das der Kunst nahe ist.“ So gehen Wenger-Sätze. Und er ist natürlich auch einer von denen, die es einfach nicht können, einfach nicht ertragen: „Jede Niederlage ist eine Narbe in deinem Herzen“, sagt Wenger, „eine Narbe, die niemals verschwindet. Der Moment, in dem du leidest wie sonst nie.“

Ein Bekloppter. Alles Bekloppte. Mal einen kleinen Einblick? Da werden sie dann am Ende also vorzeitig Meister, 35. Spieltag, im Stadion ihres liebsten Nord-Londoner Feinds, bei Tottenham. 2:2. Schlusspfiff. Premiership. Und Wenger sagt, er sei enttäuscht gewesen. Und Campbell und Lehmann wollen sich gegenseitig auf die Fresse hauen.

Oder dieses Gesicht von Martin Keown, 6. Spieltag bei United, als er Ruud van Nistelrooy nach dem Abpfiff mit einem Kranich wie aus Karate-Kid halb in den Nacken springt. Diese Fratze! Fuck you very much, Van, du hast eine Rote Karte geschunden und einen Elfer gekriegt, aber geschlagen hast du uns nicht!

Oder die Geschichte von Kolo Tourés Probetraining, als er nacheinander Henry, Bergkamp und dann auch noch Wenger selber umpflügt. Der feingliedrige Boss sitzt hinterher verkniffen in der Kabine, hält sich Eis auf den geschwollenen Knöchel und sagt: „Ich mag seinen Willen. Ab morgen spielt er bei uns.“

Touré, den 21-jährigen No-Name von der Elfenbeinküste, macht Wenger zum Innenverteidiger. Hat der Junge noch nie in seinem Leben gespielt, macht aber nichts, findet der Coach. Lernt er es eben. Hat ja Lehmann, Campbell und Vieira um sich herum.

Wenger ist es egal, was vorher war, das Gewöhnliche ist für ihn keine Kategorie: „Wenn du dich fragst, welche Position zu einem Spieler passt, schau dir seine Persönlichkeit an.“ Den ruhigen, fokussierten Henry macht er vom Flügelspieler zum eiskalten Mittelstürmer – und damit am Ende zum besten Arsenal-Torschützen aller Zeiten. 30 von 73 Arsenal-Toren schießt er allein im goldenen Ligajahr. 228 insgesamt. Und den flinken Ashley Cole hat Wenger im Ligaalltag Linksverteidiger lernen lassen: Crashkurs an der Seite von Tony Adams. Läuft.

Und dann erst The Crazy German hinten im Kasten. Lehmann ist der einzige Neuzugang im Sommer 2003, die letzte Addition für die seit Jahren zusammengewachsene Truppe. Ein spielender Keeper, ein schneller, fixer, nach dem alten Türsteher Seaman. Mad Jens, noch so ein Besessener, der sich mit Kraftwerk-Beats vor den Spielen in Fahrt bringt, ein permanenter Seiltänzer, der immer wieder mal abschmiert. Aber eben auch einer, der es absolut nicht abkann, eins mehr aus dem Netz zu holen, als die anderen vorne gemacht haben. Welcome to the team, Jensie.

Arsenals Vice-Chairman David Dein hat Wenger mit kleinem bis mittelgroßem Geld eine echte Weltauswahl zusammengestellt, und 2004 schwebt sie scheinbar unaufhaltsam dem dritten Ligatitel in sieben Jahren entgegen. Aus Frankreich, Holland und Schweden, aus Brasilien, Kamerun, Nigeria und der Elfenbeinküste kommen die Stützen des Teams. Wo sind die Engländer?, meckern sie auf der Insel. Warum Englands Beste nehmen, wenn wir die Besten der ganzen Welt entdecken können?, sagt Wenger. „Das waren die UN unter rot-weißer Kanonenflagge“, fasst es Amy Lawrence zusammen, die das ultimative Buch über 2003/04 geschrieben hat, es heißt, natürlich, „Invincible“.

Ein neuer Fußball, eine neue Stadt. Auch London streckt und reckt sich rings um die Jahrtausendfeierlichkeiten. Old Kingtown schmückt sich neu, und während Wenger bei Arsenal die alten Betten ausschüttelt, ein neues Trainingszentrum forciert, die Süßigkeiten streicht und einen Osteopathen einfliegen lässt, kriegt London sein neues Auge an der Themse, eine Brücke nur für Fußgänger rüber nach St. Paul und mit der Tate Modern im alten Ölkraftwerk an der Southbank im Millenniumsjahr auch endlich, endlich sein eigenes MoMA.

Fußball als Kunst, nichts weniger predigt Arsène Wenger, und Bergkamp, Henry und Co. kommen dem Ideal so nahe wie lange niemand mehr. Die echte, die bildende Kunst wird derweil zum Weltereignis made in London. Die Frieze Art Fair, die erste große internationale Kunstmesse, zieht 2003 im Regents Park allein am ersten Tag 10.000 Leute an, Olafur Eliasson schafft es mit seinem Weather Project in der Tate-Turbinenhalle auf die Titelseiten der Zeitungen, die Young British Artists, allen voran Damien Hirst, sind in aller Munde, und Britpop rules the music world. 2005 schließlich kriegt nicht Paris, nicht Madrid, New York oder Moskau die Olympischen Sommerspiele, sondern … ja, genau.

Die Dinge kommen in Bewegung und prallen aufeinander, London, Stadt der Gegensätze, „kosmopolitisch und provinziell verträumt“, so steht es 2004 in MERIAN, „prächtig und schäbig, eine Stadt der scharfen Kontraste, in der Eliten und Lumpenproletariat koexistieren“. Ein Ort, in dem es (noch) beides im gleichen Rang gibt, das Alte und das Neue, das Angeranzte und das Glänzende.

Und Arsenal ist Avantgarde in seinem ganz eigenen Atelier, randvoll mit Erinnerungsstücken, das alte Highbury, das 90 Jahre Fußballgeschichte verströmt und nun Spieler aus zehn Geburtsländern unter der großen runden Analog-Uhr auflaufen sieht. Hinter der prachtvollen Fassade des East Stand ist das ein zutiefst englisches Stadion, mit seinen vier offenen Ecken, den überlappenden Terrassen und den Backsteinhäusern gleich nebenan. Hier, wo noch Ali gegen Henry Cooper geboxt hat, läuft der Ball nun schneller als jemals zuvor, die Konterattacken fliegen nur so über das winzige Spielfeld, Ljungberg, Pirès, Bergkamp, Henry, Tor.

Keine Niederlage, keine Niederlage. Nicht verlieren, bloß nicht! Es geht schon gut los, die ersten Gegner sind nicht die allerschwersten, aber nach fünf Spielen steht dann zum ersten Mal alles auf dem Spiel. Da oben, bei United im Old Trafford, bei denen, die unbedingt Meister bleiben wollen, 0:0 steht es lange, und dann fliegt Vieira vom Platz, nach einem Beinzucker gegen van Nistelrooy. Und dann, ganz am Ende, plötzlich noch ein Elfmeter für die anderen, Ruud, der Holländer, schon wieder, und es könnte direkt alles vorbei sein, allerletzte Minute, und dann die Latte, und dann Schluss.

Und Keown macht den Kranich.

Sie haben nicht nachgegeben, sie haben nicht verloren, mit zehn Mann beim größten Rivalen. Jetzt schlagen sie auch Liverpool in Anfield und das neureiche Chelsea. An Neujahr stehen sie bei 13 Siegen und sechs Unentschieden, aber United ist doch noch einen Punkt vorne. Weiter, weiter! Besser, immer besser jetzt! Dabei hat die Weltauswahl ganz nebenbei mit dem Rücken zur Wand in der Champions League schon das Spiel der Saison gemacht, 5:1 bei Inter Mailand, höchster Europacup-Sieg, und die Gazzetta hebt am nächsten Tag Edvard Munchs „Schrei“ auf den Titel.

Alright. Freuen, Rückflug, weiter.

Im Januar kommen sie dann richtig ins Rollen, neun Spiele, neun Siege in der Liga, bis Ende März geht das so, und bei Henry klappt jetzt alles. Neun Spiele, neun Tore, und er ist ja nicht der einzige. „Wir hatten Henry und Bergkamp“, sagt Vieira später. „Wir wussten, es würde immer was passieren.“

Henry, der 30-Tore-Mann, wird mit Rückblick auf die ganzen Ballstafetten, das Vor-und-quer-und-quer-und-rein schwärmen: „Wir waren so selbstlos, jeder von uns gab den Ball an den weiter, der besser postiert war. Wir wollten immer alles teilen.“ Aber das ist natürlich nichts als Fußballerkitsch. Der Punkt ist wohl eher ein anderer: Alle wussten, was zu tun ist, um den eigenen Willen durchzubringen. Um am Ende das eine Tor mehr zu schießen. Oder um mit Wenger zu sprechen: um so wenige Narben wie möglich davon zu tragen. Kein Mensch aber ist selbstlos, und wenige Teams hatten mehr Ego, mehr Ecken und Kanten als Arsenal ’04. „It was complicated“, fasst Wenger später das Kabinenklima in bester Beziehungssprache zusammen. „LOTS of character“, sagt nur trocken der Haudegen Ray Parlour.

Massig Charakter, aber es geht. Sie halten den Laden zusammen. Nicht zuletzt dank Henry, dem König von Highbury. Sein fünftes Jahr in Nord-London ist sein bestes. Und was für Tore er schießt! Der Knaller gegen ManCity. Die Freistöße gegen Charlton und Blackburn. Das Solo gegen Liverpool, eins von drei Toren von ihm an diesem Tag. Seine Panenkas gegen Newcastle und Leeds. Es sieht so leicht aus. Perfekte Tore. Ein perfektes Jahr. No regrets?

Wenger seufzt: Wir hätten alles gewinnen können. Jedenfalls: auch die Champions League. Aber der Coach hat daneben gegriffen, hat seine erste Elf im FA-Cup gegen das verhasste United ermüdet und muss zusehen, wie Chelseas Wayne Bridge drei Tage später das Champions-League-Aus eintütet. Chelsea? Es ist wie ein Vorbote der Zukunft.

2004 siegt noch einmal der Wengersche Entdeckermodus. Dann übernimmt das ganz große Geld. Abramowitsch. Die Russen und die Scheichs und die Glazers. Es wird jetzt neunstellig gerechnet. Die Fußballwelt gerät aus den Fugen. Das Geld verliert seinen Wert, Spieler werden Aktien, hoffnungslos überbewertet. Und Wenger klammert sich wie ein Schiffbrüchiger an seine Dogmen. Junge Spieler, junge Spieler… Entwicklung… Ein Team… Das Große, Ganze… Die anderen kaufen längst einfach die Besten und verkaufen sie genauso schnell wieder. 2008 legt Manchester City 32 Millionen Pfund für Robinho auf den Tisch. Mehr Geld, als Arsenal für Henry, Bergkamp, Pirès und Ljungberg zusammen gezahlt hatte.

Ganz London wird vom Geld überschwemmt. Die Banker in der City spekulieren die Welt in den Abgrund, und Damien Hirst lässt an zwei Tagen Kunstwerke für 111 Millionen Pfund versteigern. Zehn Mal mehr als der vorherige Rekordhalter, a certain Pablo Picasso. Werte verschieben sich. Welten. Die Liga verändert sich mit der Stadt. Chelsea holt zweimal den Titel, United zieht wieder vorbei. Der Avantgardist Wenger wirkt plötzlich wie ein alter Kauz, der gegen den Zeitgeist anredet: „Du fühlst dich wie mit Steinen gegen Maschinengewehre. Die Leute interessiert es nicht. Sie wollen nur, dass du Meister wirst.“

Neue High-Tech-Stadien schießen aus dem Boden. 2006 verlässt auch Arsenal die Heimat des Fußballs, das Highbury. Zu klein, zu alt. Arenen werden jetzt nach arabischen Fluglinien benannt, um noch ein paar Millionen extra zu machen. Überall in der Stadt rollt die Teuerungswelle, die einfachen Leute fliehen immer weiter raus. Bald pendeln sie eine Stunde und mehr. Die neue Normalität.

Um zu sehen, was aus dem alten Arsenal, was aus London geworden ist, muss man sich nur die Bilder vom „Highbury Square“ anschauen. So heißt die Apartmentanlage, die jetzt da steht, wo mal ein Stadion war, die Seele von Zehntausenden. Es sind helle, funktionale Räumlichkeiten, sie werden angepriesen mit 24-Stunden-Concierge-Service und pitch view von der eigenen Couch, wegen der paar mickrigen Grasparzellen im Inneren der vier Betonungetüme, und das 50-Quadratmeter-Apartment gibt es schon ab einer halben Million Pfund. Vielleicht muss man das sogar günstig finden. Come on, it’s London! Und Tickets für Arsenal kann sich ja auch kaum noch wer leisten. Der Lauf der Zeit, oder?

La-di-da.

Der East Stand ist als einziger noch da, der mit der alten Kanone über dem Portal. Vielleicht hätten sie aber doch besser alles komplett wegreißen sollen, Denkmalschutz hin oder her. Stattdessen dieses Sakrileg. Als ob man diese Luxus-Condos in eine Art-Deco-Tribüne bauen könnte. Ein Seelenort weniger in der alten Fußballstadt London. Bleiben nicht mehr viele.

Aber Wenger, der ist immer noch da. Kein Meistertitel in zwölf Jahren. Kein Champions-League-Finale seit 2006. Ist er der Papst, oder was?, krakeelt Piers Morgan immer lauter.

Ein Verrückter, soll Einstein gesagt haben, macht wieder und wieder das selbe und erwartet immer neue Ergebnisse. Arsène Wenger ist mit diesem Spruch mal konfrontiert worden, und er fand auch keine richtige Antwort darauf. Er schien jedenfalls nicht zu widersprechen.

Und Einstein hatte nicht mal einen Abramowitsch gegen sich, keinen Scheich Mansour.

Warum sagt’s ihm keiner, meckern sie. Warum merkt er es nicht selbst? Warum macht er einfach immer weiter und weiter?

Vielleicht liegt es ja an 2004.

Ein unbesiegbares Team, aber kein perfektes Jahr. Nicht für Wenger, den ewig Suchenden. Vielleicht wäre er längst weg, vielleicht wäre er längst ein ganz anderer, ein neuer Mensch, wenn sie das verdammte Triple damals geholt hätten. Hätten nicht alle, hätte nicht jeder einzelne von ihnen diesen pathetischen Pseudotitel, diese 38 Spiele, ohne Nachzudenken gegen den großen, glänzenden Henkelcup eingetauscht?

Dabei ist es eigentlich egal. Was von 2004 bleibt, sind eh nicht die Zahlen. Was bleibt, sind die Bilder. Die Euphorie. Ein Herzflimmern.

Es ist doch so: Erinnerst du dich an jedes einzelne Kunstwerk, das du je in der Tate gesehen hast? Und spielt es irgendeine Rolle, wie teuer sie sind?

Erinnerungen an eine Stadt, ein Wochenende, ein Fußballspiel, das sind eingefangene Gefühle, nichts sonst. Ein Sound, der herüberweht. Ein entferntes Raunen, das du jederzeit wieder aufdrehen kannst. Weißt du noch, in welcher Minute Thierry Henry das 3:2 gegen Liverpool gemacht hat? Es ist egal.

Aber bist du ein Arsenal-Fan, einer von den echten, alten, ehrlichen, einer aus Highbury, dann weißt du noch genau, was es mit dir gemacht hat, dann hast du es noch ganz klar vor dir und in dir und du spürst, wie es war, damals, als der König übers Feld schwebte.

Es ist noch da, es ist noch da drin, irgendwo. Das ist der Fußball. Und kein Abrissbagger der Welt kommt bis dahin durch.

— Erschienen im 11FREUNDE Spezial “England”, Frühjahr 2016

Kosova! Kampion!

Sechs Jahre gibt es das Kosovo, doch die Anerkennung des kleinen Landes verläuft schleppend. Das erste offizielle Länderspiel geriet deswegen zum Volksfest. Auch wenn der Gegner nur Haiti hieß. (11FREUNDE, April 2014)

Eine Haiti-Flagge, ruft Alban, wäre es nicht großartig, wenn wir jetzt eine Haiti-Flagge hätten?

Mit breiten Schritten geht er durch die Innenstadt von Mitrovica, der Regen kommt in feinen Fäden herunter, vor dem alten Kaufhaus trommeln und singen sie schon, und Alban Muja freut sich über seinen Einfall. Haiti, klar, ohne Gegner kannst du kein Fußballspiel machen, und noch gibt es auf der Welt nicht viele, die mit dem Kosovo spielen wollen. Haiti aber will, als Gegner, also eigentlich: Verbündeter, und hat damit das erste offizielle FIFA-Länderspiel des kleinen Balkanlandes ermöglicht, seit sechs Jahren erklärtermaßen unabhängig, aber noch kein Mitglied der internationalen Gemeinschaft, auch nicht im Fußball.

Ein erster Schritt ist das, dank Beschluss des Weltverbands. Da muss man dabei sein.

Willkommen in meiner Heimatstadt, Mann, hat Alban nach dem Aussteigen gesagt, die Arme so weit, als müsste die ganze Welt hineinpassen. Ein glücklicher Kosovare mit Schiebermütze, Vollbart und buntem Halstüchlein. Vorher war er in seinem klapprigen Fiat Punto die 50 Kilometer von der Hauptstadt Pristina nach Mitrovica gefahren, mit kreischenden Scheibenwischern, in der rechten Hand eine qualmende Lucky, in der linken meist das Telefon, alle fünf Minuten rief jemand an, wo treffen wir uns, seid ihr schon unterwegs, auf der Ablage über dem Handschuhfach die Sportzeitung mit den großen Lettern auf dem Titelblatt: Auf geht’s, Kosovo!

Es ist nicht nur ein Fußballspiel, sagt Alban, für uns ist das ein historisches Datum. Für mich sowieso, ich kenne das Stadion, ich habe dort ja selbst gespielt.

Es regnet also, am Morgen des historischen Tages, aber das Wetter muss ja nicht immer ein Zeichen sein für irgendwas. Braune Bäche laufen quer über die abschüssigen Straßen, die Scheiben beschlagen von innen. Der Uni hat Alban heute abgesagt, nicht zum ersten Mal fällt sein Seminar aus, aber zum ersten Mal, wenn er im Land ist und nicht in Berlin, New York oder Ljubljana, er ist viel gereist in den letzten Jahren.

Alban Muja, geboren am 10. September 1980 in Kosovska Mitrovica, ist einer der bekanntesten jungen Künstler seines jungen Landes, im Mai vergangenen Jahres hat ihm die Nationalgalerie in Pristina eine Einzelausstellung gewidmet, sein Name stand auf Plakaten in der ganzen Stadt. Nicht dass ihn nicht auch vorher schon jeder gekannt hätte. Geht er durch die Straßen der Hauptstadt, vergehen kaum je fünf Minuten, bevor er kurz anhalten muss, hallo, wie geht’s, si jeni? A jeni mirë?

Alban Mujas Kunst erzählt viel vom Kosovo: Er hat die neun Jungen fotografiert, die alle den gleichen Vornamen tragen, Tonibler, benannt nach Großbritanniens ehemaligem Premier, albanische Version, Tony Blair wird hier als Retter verehrt, genau wie Bill Clinton, dem sie gleich ein Denkmal gebaut haben in Pristina. Alban hat die junge Frau interviewt, deren Vater sie Palestina genannt hat. Und eines seiner Werke zeigt auch die Ibar-Brücke seiner Heimatstadt, über die niemand mehr gehen will. »Museum of Contemporary History«, so hat Alban das Bild genannt. »Sie verbindet nicht«, sagt er, »sie trennt.«

Die Brücke mit dem aufgeschütteten Erdwall mitten auf der Fahrbahn ist das Symbol geworden für Mitrovica, den Spielort, geteilt zwischen Albanern im Süden und Serben im Norden, und für den langen Weg, den das Kosovo noch vor sich hat. Serbien erkennt die Unabhängigkeit seiner alten Provinz nicht an, Serbien hat Russland im Rücken, und Russland ist UN-Veto-Macht. FIFA-Mitglied werden kann aber nur, wer Mitglied in einer Konföderation ist. Und UEFA-Mitglied werden kann nur, wer UNO-Mitglied ist. So sind die Statuten.

Deswegen wehen auch nur drei Flaggen an den vier Masten des alten Trepca-Stadions, die rote von Haiti, die blaue der FIFA und das gelbe Fair-Play-Banner. Der linke Mast aber bleibt kahl, die blaue Fahne mit dem gelben Umriss des Kosovo nicht aufzuhängen, das war der Kompromiss. »Aber ich habe eine«, ruft Alban und schwenkt sein kleines Papierfähnchen, das sie an alle verteilt haben, die eins wollten. Und dann geht das Feuerwerk los, blau und gelb schießt das Pulver hinter der Tribüne hervor, untermalt von lauten Krachern, und die Leute zücken ihre Handys. Kaum ist der letzte Kanonenschlag verhallt, kommen die beiden Mannschaften auf den matschigen Platz gelaufen, die elf Kosovaren ganz in Weiß, das sieht schön aus im Grau des Tages.

»Es fühlt sich so an«, sagt Enis Alushi, »als würden nicht wir elf Fußball spielen, sondern die ganze Nation.« Der Tag vor dem Spiel: Alushi, 28 Jahre alter Mittelfeldspieler des 1. FC Kaiserslautern, sitzt am Kopfende eines Betts im Hotel Emerald, wo das Team Kosovo untergebracht ist, 15 Kilometer außerhalb von Pristina, direkt an der Ausfallstraße, hinter einer Tankstelle. »Wir machen das auf dem Zimmer«, hat er gesagt. »Eigentlich sollen wir zwischen den Einheiten keine Interviews geben.«

Das Treffen hat also ein bisschen was Konspiratives, Alushi zuppelt noch schnell die Tagesdecke über das Bett, über dem Fußhocker liegen zwei Stutzen zum Trocknen. Es ist eigentlich das Zimmer von Albert Bunjaku, ebenfalls 1.  FCK. Der kommt nach ein paar Minuten hereingeschlendert, Kaffeetasse in der Hand, auch er in weißer Trainingsjacke. »Kosova« steht auf dem Rücken.

Eine knappe Stunde, inklusive Fotos, dann ist Mittagessen. Nicht viel Zeit. Ohnehin nicht ganz leicht, mit professionellen Fußballspielern über ernste Dinge zu reden, sie lernen auf diesem Niveau schon in der Jugend zu reden, ohne etwas zu sagen. Aber um Politik muss es nun mal gehen, heißt doch schon das Stadion nach Adem Jashari, dem ehemaligen UCK-Kommandeur, hier verehrt als Kriegsheld, als Märtyrer. Das Stadion liegt am Ufer des Ibar und seine Sitze sind grün.

»Politik spielt für uns Sportler keine Rolle«, sagt Enis Alushi gleich zu Beginn. »Aber wir wissen, dass es viel Politik gab in den letzten Jahren, damit wir überhaupt auf dem Platz stehen dürfen.«

Auch für Alushi ist es eine Heimkehr, wie Alban Muja ist er in Mitrovica geboren, am 22. Dezember 1985. Hier steht das Haus, in dem er aufwuchs, bis zu dem Tag knapp acht Jahre später, als die Eltern über Nacht die Koffer packten und aufbrachen in das große Land, das Hoffnung versprach, auf nach Deutschland, »hier werden wir doch nicht mehr glücklich«.

Das Haus, in dem Enis Alushi aufwuchs, gibt es nicht mehr, jedenfalls nicht für ihn, es liegt auf der serbischen Seite. »Bis heute dürfen wir die alte Wohnung nicht betreten«, sagt er. Die Serben im Norden erkennen die Regierung in Pristina nicht an, sie wollen autonom sein oder, besser noch, zu Serbien gehören, vor der Ibar-Brücke stehen auch am Spieltag ein paar Panzerfahrzeuge, »Carabinieri« steht auf den Seiten. »Ich erinnere mich an meine Schulfreunde«, sagt Enis Alushi. »Ab dem Tag habe ich sie nie wiedergesehen. Es war eine gemischte Schule, ich hatte auch mit Serben zu tun, natürlich, als Kind ist man ja kein Politiker.«

Die sind natürlich heute da, die Politiker, das haben sie sich nicht nehmen lassen, die Präsidentin und der Premierminister, selbst zum Abschlusstraining ist Hashim Thaci ja bereits gekommen, das auf einem fleckigen Platz direkt neben dem Braunkohlekraftwerk stattfand, das ganz Kosovo versorgt und dessen Produktivität man dort auch auf den Lippen schmecken kann. »Ihr seid unser Stolz«, hat Thaci zu den Spielern gesagt. »Ihr seid unsere Zukunft, willkommen zu Hause.« – »Ist das erbärmlich«, hat einer der lokalen Fotografen gesagt. »Naja, bald sind Wahlen.«

Die Realität ist hier oft noch dunkler als der Qualm des Kraftwerks, das Land lebt von der internationalen Gemeinschaft, von den Geldsendungen der Exil-Kosovaren, eine halbe Million leben alleine in Deutschland und der Schweiz, und von den EU-Fördergeldern, rund 70 Millionen Euro jährlich. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International steht Kosovo derweil auf Platz 111 von 175, zusammen mit Äthiopien und Tansania. Schlimmer ist da nur, überhaupt nicht aufzutauchen in einem Ranking, denn während Haiti als stolzer 79. der FIFA-Rangliste anreist, sucht man die Kosovaren dort noch vergeblich.

»Ich musste überhaupt nicht überlegen«, hat Enis Alushi gesagt. »Ich wusste schon, wenn die Anfrage kommt, würde ich ja sagen.« Und nun läuft er da unten über den tiefen Rasen, die Stutzen schon voller Matsch, eben hat er nach einem schier aussichtslosen Ball gegrätscht, kurz vor der Auslinie, und ihn noch bekommen, und jetzt macht Enis Alushi, die Nummer fünf des Kosovo, linkes Mittelfeld, eins, zwei, drei, vier Übersteiger und die 17.000 Kosovaren werden wieder laut, die ersten Minuten des Spiels haben sie noch ziemlich still im Regen gestanden, es ist ja für alle das erste Mal.

»Kosova! Kosova!«, rufen sie nun, und hinter der gegenüberliegenden Fankurve sieht man die Hügel von Nord-Mitrovica, an den Hängen stehen Häuser aus rotem Backstein, und rechts ist das Wahrzeichen der Stadt zu sehen, die riesige Steinlore aus Beton, denn hier, in den Minen von Trepca, lagern Blei, Zink, Silber, Gold, Nickel, Bodenschätze, die Jugoslawien einst reich gemacht haben, damals, als noch mit voller Kapazität gearbeitet wurde, die Minen liegen genau an der Grenze zwischen dem Norden und dem Süden.

»Vielleicht ist es ein kleines Zeichen an andere Nationen«, hat Enis Alushi gesagt, kurz vor dem Mittagessen, »an die, die uns immer noch nicht akzeptieren wollen. Dass wir nicht aufgeben, dass wir unsere Akzeptanz haben wollen und gerade an diesem Ort unser Debüt feiern.«

»Mitrovica war multi-ethnisch«, sagt Alban. »12 bis 15 Prozent waren Nicht-Albaner. Eine Teilung in Nord und Süd gab es nicht, das Wort existierte nicht mal in unserem Vokabular.«

Auf einer Ibar-Brücke, über die er damals täglich ging, fand er statt, der Moment, an dem Alban merkte, dass etwas in eine völlig falsche Richtung läuft. Auf dem Heimweg, nachts, hielten ihn drei Polizisten an. »Woher kommst du so spät«, fragten sie, und Alban Muja entschuldigte sich, sein Serbisch sei nicht so gut. Da schlug ihm der Polizist mit der flachen Hand ins Gesicht. »Sieh zu, dass dein Serbisch besser wird bis zum nächsten Mal«, sagten sie, dann ließen sie ihn laufen.

Die Worte sind alle noch da. »Künstler, male ein Porträt von mir!«, sagte der Befehlshaber zu Albans Vater. »Oder … du weißt schon. Befehl ist Befehl.« Und der Vater, im Klassenzimmer der Schule, die nun ein Internierungslager war, malte das Bild, Kreide auf Schultafel, ein schönes Porträt, und er wurde nicht zu den vier Männern gestellt, die verschwanden für immer. »Ich habe meinen Vater gar nicht wiedererkannt«, sagt Alban, »20 Kilogramm hatte er verloren in der Zeit in der Schule. Ich habe so viel gelernt in diesen Monaten, den ersten sechs Monaten des Jahres 1999. Ich habe gelernt, wie stark ein Mann sein kann, stärker als ein Stein.«

»18 Jahre war ich, aber sie hielten mich für 16«, sagt er. »Meine Eltern hatten mir noch die Haare kurz geschnitten, am Tag vorher, damit ich jünger aussah. Alle Männer sortierten sie aus, von 18 bis 55 Jahren, aber nicht mich, nicht mich.«
»Duam fitoru!«, ruft Alban jetzt zusammen mit den anderen 17 000, die Zigarette im Mundwinkel. »Duam fitoru!« Wir wollen einen Sieg! Er steht halb in einer Pfütze, das Leder seiner Halbschuhe saugt sich voll, aber das Team des Kosovo reißt die Leute jetzt mit, es wird immer stärker gegen Ende der ersten Halbzeit. Die Haitianer, deren rote Trikots ihnen kalt um die Körper schlackern, kommen kaum noch aus der eigenen Hälfte. Aber auch die beste Chance, ein schneller Gegenstoß, eingeleitet von Alushi, hereingegeben von Bunjaku, führt nicht zu einem Tor, das Bein eines Abwehrspielers ist irgendwie noch dazwischen. »Huuuuuuu!«, machen die Zuschauer.

Halbzeit. Die Polizisten auf der Tartanbahn, Gesicht zur Kurve, stehen schweigend da, manche lächeln. In der Reihe vor Alban hat ein Vater den Arm um seinen Sohn gelegt, er ist vielleicht zehn, elf Jahre alt. Vater und Sohn haben beide blaue Kosovo-Kappen auf, die wurden in der Innenstadt verkauft und vor dem Stadion. Der Vater lässt ein Foto machen. Vorne auf beiden Kappen sind sechs Sterne und der gelbe Umriss des Landes. »Geschichte wird nur einmal geschrieben!«, ruft einer von hinten, als die elf Weißen wieder rauskommen. »Ja«, sagt Alban und dreht sich zu ihm um, »aber Geografie ein paar Mal.« Dann freut er sich und zündet sich noch eine Zigarette an.

Dabei ist das Spiel nicht mal hier, im Kosovo selbst, unumstritten. Es gebe nur eine Kombëtare, sagen manche, nur eine Nationalmannschaft, und das sei die albanische. Einige Fans sind lieber nach Tirana gefahren, wo Albanien am Abend gegen Malta spielt. »Albanien ist auch immer mein Team gewesen«, sagt Alban, »aber Kosovo als Mannschaft zu haben ist noch bewegender.«

Für Albanien wird Alban Meha später ein Traumtor schießen, auch er ist in Mitrovica geboren, auch er spielt in Deutschland, beim SC Paderborn. Nein, keiner der albanischen Nationalspieler ist gekommen zu diesem historischen Spiel, auch Xherdan Shaqiri und die anderen Kosovaren aus der Schweizer Nati nicht. Die WM steht bald an, ihre Karrieren sind immer schon fernab der Heimat verlaufen. Und eine kosovarische Flagge im Wembley-Stadion zu schwenken, ist nun mal deutlich einfacher, als ein ganzes Leben aufzugeben für eine Mannschaft, deren Zukunft in den gelben Sternen steht. Absolut verständlich, sagen die einen. Dann sollen sie nicht so tun, die anderen.

Den Leuten im Stadiumi Olimpik Adem Jashari ist es in diesem Moment egal, der Regen hat aufgehört, die Mannschaft des Kosovo gibt eine gute Figur ab, sie kämpft um jeden Ball, kaum eine Rückennummer ist noch zu sehen von all dem Matsch, nur ein Tor will irgendwie nicht fallen. Aber hat nicht Haiti letztes Jahr auch unentschieden gegen das große Italien gespielt? La Ola rollt über die alten Steintribünen. »Kosova! Kampion!«

»Vielleicht«, hat Enis Alushi in seinem Hotelzimmer gesagt, »werden Shaqiri und die anderen, wenn sie sich das Spiel anschauen, ein bisschen neidisch auf uns sein.«

Er hat ein Haus gebaut, für seine Familie, auf dem Grundstück, das ihm seine Großmutter überlassen hat. Es liegt auf der anderen Seite der Brücke, in einer der wenigen ethnisch durchmischten Nachbarschaften. »Das Haus ist bezugsfertig«, sagt Enis Alushi. »Jetzt habe ich hier wieder ein Heim, und ich benutze die Brücke noch.«

Man kann sein Glück nicht immer erzwingen, man braucht Geduld, als kleines Land und als Fußballteam. Und so ist vielleicht dieses torlose Unentschieden, das sich die kosovarische Nationalmannschaft am Ende in ihrem ersten offiziellen Spiel erkämpft und, ja, auch erspielt hat, dann doch das korrekte Ergebnis. Sie haben ihren Willen gezeigt, sie haben die Leute begeistert, ein bisschen zumindest, aber die Zukunft braucht Zeit. Sie müssen sich gedulden.

Alban Muja geht in der drängenden Menge voran, seinen zusammengefalteten Regenschirm über dem Kopf schwenkend wie ein Touristen-Guide, »European Union« steht auf dem Schirm, aber das sieht man jetzt nicht mehr. »Wäre besser gewesen, wenn es nicht geregnet hätte«, sagt er, »aber was soll’s. Schnell nach Hause, dann schaffen wir noch die zweite Halbzeit von Albanien.«

Zurück bleibt in der Südkurve des Stadiumi Olimpik Adem Jashari ein stolzes kleines Papierfähnchen, das der Regen an die grüne Sitzschale geklebt hat.

Sex, Drugs & Futebol

Er war Brasiliens erster Popstar, doch er verglühte rasch. Ein Flug über das kurze, irre Leben des Heleno de Freitas

Stumpf und schwarz sind die Nägel, die über das vergilbte Papier streichen. Magere Finger ertasten zitternd die Umrisse der Vergangenheit, die großen Lettern. »Heleno 1, Chile 0«, steht da geschrieben, oder »Heleno, das Juwel«. Die Krallen reißen am Papierrand, langsam, ritschhhhhh, ein sanftes Geräusch, ein Streifen löst sich ab, zerklüftete Kanten. Die dreckige Hand zerknüllt das Papier, führt es andächtig zum Mund. Kauen. Schlucken.

Wonach schmeckt die Vergangenheit? Wonach schmeckt der Ruhm? Wie schmeckt er, Heleno?

Welchen Geschmack hatte dein Leben? Und wie soll man, bitteschön, darüber schreiben?

Ein junger kolumbianischer Journalist namens Gabriel García Márquez hat es als Erster versucht. »Als Fußballspieler«, schrieb er, »schwankt Heleno de Freitas zwischen den Extremen. Aber er ist mehr als ein Mittelstürmer. Er gibt den anderen ständig Anlass, schlecht über ihn zu reden.«

»Hundert Jahre Einsamkeit« – das Buch, mit dem García Márquez später berühmt wurde, es hätte auch von Heleno de Freitas handeln können.
Von dem Mann, der hier seine Vergangenheit verschlingt, ohne übermäßige Gier. Streifen für Streifen. Minutenlang. Wie viele Minuten sind das gewesen, Heleno? Zehn? Zwanzig? Hundert? Bis an der kalkweißen Wand nur noch ein paar Fetzen kleben, unleserlich und hässlich.

Der Irre rülpst.

Hier also, Heleno, endet deine Geschichte – in Zimmer 25 der Casa de Saúde São Sebastião, Avenida São Sebastião, Barbacena, im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais. In einem kärglichen Doppelzimmer.

Wer bist du, Heleno de Freitas? 1920 geboren, 209 Tore in 235 Spielen für Botafogo, die ersten beiden im April 1940. Profi auch in Argentinien, Kolumbien, dann wieder in Rio de Janeiro. Heleno: Sohn der reichen, weißen Oberschicht, ausgebildeter Anwalt, Doktor des Rechts gar. 1,82 Meter. Ein Riese damals. Gesicht wie ein Filmstar, Womanizer, Prinz von Rio, tags Unglaubliches auf dem Feld, nachts noch Unglaublicheres mit den Frauen, Hitzkopf, Bohemien, Brasiliens größtes Talent vor Pelé. Und der große, alles verschlingende Traum: der Traum vom Maracanã. 18 Länderspiele nur, und keine WM. Spitzname: der verfluchte Prinz. Und sonst? Drogen, viele Drogen, Alkohol, Girls, viele, viele Girls, und noch viel mehr gleißende Wut, ein Mann wie ein Vulkan, der Ausbruch, die Krankheit, das viel zu frühe Ende.

Wer bist du, Heleno?

Geschichte voller Fragezeichen, große, tragische Story aus einer Zeit vor dem Fernsehen, das immer alles erklären will. Geschichte aus dem goldenen Rio der Vierziger, der glitzernden Stadt der steilen Hügel und der tiefen Abgründe.

Filmmaterial gibt es also nicht. Gut so. Wir suchen hier keine Fakten. Wir suchen: Heleno.

Am Strand – wo sonst? – haben sie dich entdeckt, knöcheltief im weißen Sand, Apfelsinen mit den Füßen jonglierend. Dieser schmale Beau! Unwiderstehlich schon der Charme des Jungen, des Teenagers Heleno de Freitas.

Vom Sand weg verpflichtet ihn der Klub, fortan trägt der Junge den weißen Stern auf dem Herzen. Bald schon ist er selbst eine estrela, ein Star, eine Sensation in der Millionenstadt, die sich so sehr reckt und streckt in jener Zeit, da die Moderne Südamerika überspült.

Aber genug davon. Schauen wir unserem Helden ins Gesicht.

Mut ist dabei hilfreich. Die Konturen sind wie mit dem Messer gezogen, die Brauen eine einzige Bedrohung, tief und geschwungen und abschätzig, dicht zieht es sie zueinander, ganz eng. Nase: gerade und nach vorne drängend, wie der Schnabel eines Raubvogels. Heleno: ein Habicht mit gegelten Haaren. Der Scheitel ist ihm schnurgerade ins Haar gefahren, wie ein Blitz, wie eine Narbe. Und dann: die Lippen. Vor allem: diese Oberlippe! Kunstvoll geschwungen wie eine Cellozarge. Wie die Lippe einer wunderschönen Frau. Sorgsam verborgen dahinter die schiefen Frontzähne, die Fratze.

Ein Gesicht, das man nicht vergisst, irgendwo zwischen Bogart, Belmondo und Banderas.

In den dunklen Augen konzentriert sich alles. Mit Begierde blicken sie auf die Welt, aber auch mit Misstrauen und Verachtung. Die reine Melancholie. Schauen sie schon bis ins Maracanã?

»Ich weiß, was ich will«, sagen die Augen, sagt Heleno, »Tore, schmale Taillen, Cadillacs.«

Der Dandy hegt sein Image. »Ich bin mein Image, dahinter ist nichts«, wird er einmal sagen. Schützende Phrasen. Dabei ist er reich und gebildet. Heleno: der Playboy mit Zigarette im Mundwinkel und Goldkettchen am Handgelenk. Mit dem Clube dos Cafajestes, dem »Klub der Filous«, einer Clique junger Piloten, Banker und Ärzte, zieht er durch die Nächte Rios, setzt im Cassino Atlântica auf Rot oder Schwarz, lauscht den kreischenden Jazzkapellen und Swingorchestern und bringt die Töchter der Reichen um den Verstand. Bester Ort dafür: der Golden Room des Copacabana Palace, fünf Sterne direkt an der Strandpromenade, ein Palast aus italienischem Marmor, sieben traumweiße Stockwerke, Blick aus den hohen Fenstern auf das berühmte Wellenpflaster, den Sand, all die Schönheit. Das Palace, das erste Haus am Platze, wo die internationalen Stars einkehren, das ist Helenos wahre Heimat. Hier spielen sie ihm Abend für Abend seinen Lieblingssong: »My Foolish Heart«.

Auf dem Spielfeld tut er Dinge, die sie noch nie gesehen haben, nicht mal in Brasilien. Einmal stoppt er den Ball mit der Brust, 20 Meter vor dem Tor, lässt sich ins Hohlkreuz fallen, dass man es knacken zu hören meint, und läuft dann, den Ball unerreichbar auf dem Botafogo-Stern balancierend, bis ins Tor.

Nichts scheint unmöglich in diesen goldenen Tagen. Für Heleno wie für Rio. Der Weltkrieg endet, eine neue Architektur ist im Entstehen. Während Heleno mit dem weißen Stern auf schwarzer Brust der Meisterschaft, der Carioca, hinterherhetzt, die doch alle von ihm erwarten, mit der es aber nicht klappen will, hat er längst das viel größere Ziel im Sinn. Das Maracanã, das größte Stadion der Welt, das die Stadtväter für die Weltmeisterschaft 1950 bauen lassen. 200 000 Menschen! Sie alle werden ihm dabei zusehen, wie er die Seleção zum ersten Titel führt, werden ihm huldigen, wenn er sich den Jules-Rimet-Pokal über den Narbenscheitel schwingt. Es wird seine WM, und so spricht er auch von ihr, so prahlt er vor allen.

Eine Kostprobe der süßen Zukunft trägt er schon jetzt immer bei sich, in einem kleinen, braunen Fläschchen, das es in jeder Apotheke gibt. »Ah, dieser verteufelte Äther«, wird Drogenpapst Hunter S. Thompson seinen Anti-Helden Raoul Duke später sagen lassen. »Man verliert alle grundlegenden motorischen Fähigkeiten, verschwommene Sicht, fehlender Gleichgewichtssinn, taube Zunge. Dein Verstand wendet sich mit Grausen ab.«

Süß und betäubend wie der Äther ist auch die Copacabana, das Paradies der Versuchung. »Kleine Meerprinzessin« nennen sie ihre prunkvolle Bucht, und Heleno ist ihr Prinz. Milde blickt Christus, der andere Superstar, von seinem Hügel herab auf das größte Irrlicht der Stadt.

Helenos Tage scheinen mehr als 24 Stunden zu haben, morgens spielt er, wenn er Lust hat, Turniere am Strand, guckt sich schon mal die besten Mädchen aus, nachmittags trainiert er ein bisschen mit seinem Team, und abends – nun, abends beginnen die langen, langen Nächte von Rio.

Bei Botafogo lassen sie ihm, dem craque problema, Brasiliens erstem Skandalprofi, ohnehin alles durchgehen, die wüsten Beleidigungen der Kollegen, die durchzechten Nächte. Einfacher Grund: Sie brauchen ihn. Den spielenden Mittelstürmer. Den Supertechniker. Den manisch Ehrgeizigen. Den Irren.

Hat dich der Äther kaputtgemacht, schöner Heleno, oder war es das verdammte Maracanã? Die saudade, die große brasilianische Sehnsucht, verzehrt einen, wenn man nicht aufpasst. Sócrates, den anderen genialen doutor müsste man jetzt fragen können, doch auch der ist schon tot, noch so ein verfluchter Prinz, zugrunde gegangen an der Süße des Lebens, die er sich am liebsten mit Limetten und Eiswürfeln reichen ließ.

Der Caipirinha! Die Frauen! Du musst es dir nehmen, das Leben. Du darfst es nicht an dir vorbeigehen lassen, wenn du am besten Strand von Rio liegst, die weißen Mauern des Palace im Rücken, und wenn es in einem knappen Badeanzug steckt. Zwei Möglichkeiten: Mach sie zur Kunst, diese atemlose Schönheit, so wie später Vinicius de Moraes und Tom Jobim, als die junge Heloísa Eneida Menezes Paes an ihnen vorbeischwebt, das »Girl from Ipanema«. Oder stell dich ihr in den Weg und finde heraus, ob ihr Atem auch so süß schmeckt wie der Duft aus dem braunen Flakon – vielleicht noch ein bisschen süßer. Und das ist, natürlich, immer der Weg gewesen des gierigen Habichts namens Heleno.

Es ist ihm dabei allzu ernst. »Sie sagen, es ist nur ein Spiel, aber das Spiel ist doch das Leben!« So klagt, so wütet Heleno, der Besessene. Warum nur denkt keiner so wie er? Daran liegt es doch schließlich, dass sie immer noch keine Meisterschaft gewonnen haben. Woran sonst?

»Die Spieler sollten sich vor jedem Spiel eine Oper ansehen«, sagt er. Das ist doch der Fußball: eine großartige Inszenierung, eine Show. Und er ihr Mittelpunkt. Er fühlt sich allen überlegen, logisch, so ist er ja aufgewachsen, der Sohn des Plantagenbesitzers, der Privatschüler, der Anwalt. Natürlich aber hat keiner der proletarischen Banausen auf ihn gehört. Warum also erwarten sie, dass er einem schlecht gepassten Ball hinterherwetzt wie ein lausiger Straßenköter? Warum haben sie sich gegen ihn verschworen? Wenn er zwei Tore schießt, kassieren sie drei, sie neiden ihm seinen Ruhm, seine Kunst, seine Frauen.

Als Heleno, das Genie, den entscheidenden Elfmeter verschießt, der Botafogo die Meisterschaft kostet, geht er, zornbebend wie nie, auf die Teamkollegen los, sie haben es verbockt, wer sonst, am Ende sitzt er einsam unter der Dusche, neben ihm nur noch ein pitschnasses Ego.

»Gilda! Gilda!«, rufen ihm längst die gegnerischen Fans hinterher, und meinen: die neueste Rolle von Rita Hayworth, quasi: original drama queen. Sie haben den wunden Punkt erkannt: die Männlichkeit. Den Zorn. Das Ich.

Und dann sitzt ihm sein Präsident Carlito Rocha gegenüber. Heleno hört die Worte nicht, die aus seinem Mund kommen: »Du bist ein Star, aber wir verkaufen dich an Boca.« Wie? Boca?

Wie in Trance schleicht Heleno in die Kabine. »Da geht er«, ätzt einer der Nichtskönner: »Der, der vergaß, dass er nur ein Fußballspieler war.« Aber Heleno kann, muss auch hier noch einen draufsetzen. »Ich bin kein Fußballspieler«, zischt er, »ich bin ein Botafogo-Spieler.«

Woher die Wut, Heleno?

Und auf wen?

Argentinien jedenfalls wird ein Desaster, das erste von vielen. Zum Training erscheint der Prinz von Rio im langen Wintermantel, schweinekalt ist ihm. Die anderen schütteln nur den Kopf. Die Dämonen, er trifft sie jetzt, in dem kalten Land mit der harten Sprache, immer öfter. Frau und Kind hat er daheim gelassen, der Einsamkeit begegnet er mit neuen Exzessen. Natürlich verkehrt er auch hier in den besten Kreisen. Selbst Evita Peron, die schöne First Lady, soll ihm verfallen sein, ihm und seinen wunderbar traurigen Augen.

Bei der Heimkehr ein Jahr später hat ihn seine Frau verlassen, für einen Teamkollegen, seinen besten Freund. Helenos Reaktion, mitten im Prunk seines Apartments: »Dann verkaufe ich diese Bruchbude und ziehe ins Copacabana Palace, wo ich hingehöre.« Stattdessen schießt er sich im nächsten Rausch erst einmal selbst in den Fuß, er will wie John Wayne ein Streichholz zwischen seinen Zehen treffen.

Wohin nun? Vasco da Gama erbarmt sich seiner, Heleno ist hier nur noch ein Spieler wie jeder andere. Die Meisterschaft, ein schwacher Trost. Die Familie kaputt, Kontakt zu seinem Sohn ist ihm verboten, und auch die Copacabana ist eine andere geworden. Der Hotelpalast wird jetzt von drei Seiten überragt von immer neuen Hochhäusern, acht, zehn, zwölf Stockwerke hoch. Die Stadt am Strand wächst immer schneller, will immer höher hinaus, sie strebt dem steinernen Jesus entgegen. Das Maracanã ist fast fertig, bald beginnt die WM, doch Nationaltrainer Flavio Costa denkt nicht daran, sich ein Problem namens Heleno in den Kader zu holen.

Es folgt eine weitere Flucht. Nach Kolumbien, ein Land am Rande des Bürgerkriegs, in dem unverhofft die lukrativste Liga Lateinamerikas entstanden ist. Die Rebellenliga. El Dorado, so nennt sie sich. Wie passend. Eine glitzernde Scheinwelt inmitten des Chaos. Eine Welt, wie gemacht für unseren Heleno.

»Ich kann Wunder tun«, verkündet er gleich bei seiner Ankunft. Und der 22 Jahre alte Lokaljournalist García Márquez schreibt fleißig mit. An guten Tagen stellt Heleno die anderen Stars in den Schatten, darunter einen gewissen Alfredo di Stéfano. An schlechten …

Die große WM findet ohne ihn statt. Und Brasilien verliert das entscheidende Spiel gegen Uruguay 1:2 – ein 1:1 hätte zum Titel gereicht. Vom Siegtreffer des Alcides Edgardo Ghiggia, der an diesem 16. Juli 1950 das riesige Stadion zum Schweigen bringt und eine Nation in den Schockzustand versetzt, erfährt Heleno de Freitas, Ex-Held im Exil, erst am folgenden Tag aus der Zeitung. Noch einmal bricht sich der bittere Zorn Bahn. Mit ihm wäre das nicht passiert, unmöglich, ausgeschlossen. Er ist ja keiner, der auf Unentschieden spielt! Der wütende Prinz zieht in die süße Nacht, trinkt, raucht, vögelt, und fasst dann, die Sinne noch halb betäubt, neue, noch einmal die ganz großen Pläne. Er wird zurückkommen und es allen noch mal zeigen. Doch was sich dereinst der kranke Ali gegen Larry Holmes vornehmen wird, kann auch 30 Jahre früher nicht klappen.

Sein Arzt schüttelt nur den Kopf. »Heleno«, sagt er, »du musst auf dich achten. Auf deine Gesundheit. Du bist krank. Du musst aufhören zu trinken und zu rauchen. Und, wenn möglich, auch mit dem Fußball. Am besten jetzt gleich.« Da wütet Heleno mehr als je zuvor. Der Syphilis soll er sich beugen? Heleno de Freitas spielt nicht im Maracanã? Undenkbar. Er wird, ein letztes Mal noch, seinen Willen bekommen. Am 4. November 1951, anderthalb Jahre nach Ghiggias Tor, läuft endlich auch Heleno de Freitas in das riesige Oval ein, als Spieler des América FC. Kein WM-Finale, ein kleines Zweitrundenspiel der regionalen Meisterschaft. Es gibt ein Foto von diesem Tag, es zeigt einen Mann mit aufgedunsenem Gesicht und Doppelkinn. Das einst hochmütige Lächeln grotesk verzerrt. Schlimmer noch: Die Augen sind stumpf. Sie schauen ins Nichts.

Nach 25 Minuten ist alles vorbei. Heleno de Freitas fliegt wegen Beleidigung vom Platz. »Nur noch ein Fall fürs Hospiz«, schreibt das »Jornal dos Sports« tags darauf, mit dunkel grausamer Vorahnung. Kein 31-Jähriger hat sich da über den Rasen geschleppt, sondern ein alter, zerstörter Mann. Die Antiklimax einer Karriere.

Nach dem Desaster von Maracanã fällt alles zusammen. Mit dem Fußball ist es vorbei. Zwei Jahre lang kommt Heleno, schon schwerkrank und immer wirrer, bei seinem Bruder Heraldo unter, spielt manisch Backgammon gegen dessen Kinder. Gewinnen lässt er sie nicht, kein einziges Mal. Spät in den schlaflosen Nächten schleicht er dann in ihre Zimmer und zieht ihnen die Decken zurecht. Dass ihnen kalt wird, ist seine größte Sorge. Tagsüber erzählt er stundenlang von dem gleichen Riesen, der Bäume mit bloßen Händen ausreißen kann.

Ganz am Ende, in seinem kargen Zimmer in dem gekalkten Bau an der Avenida São Sebastião, ist Heleno de Freitas, der einstige Superstar, nur noch ein hagerer Mann mit strähnigen Haaren und starrem Blick, ein Skelett von 30 Kilo, mit nur noch einem Zahn im Mund. Ein knapp 40-Jähriger im Körper eines 80-Jährigen. Ein Stern, verglüht wie die abertausenden Continental, die er aufgesaugt hat wie das Leben.

Oh, Heleno. Während du in deinem weißen Zimmer mit letzter Kraft die Vergangenheit hinunterwürgst, ist draußen, am Strand, bereits ein neues Brasilien entstanden. Ein neuer Soundtrack, ohne den Pomp der Vierziger. Nur noch eine Gitarre und ihre Stimme brauchen sie nun, die Kinder der Reichen, für ihre neue Musik, die sie Bossa nova nennen. Sie haben etwas, das du, Heleno, so dringend gebraucht hättest, schwer zu sagen, was genau, vielleicht Selbstironie, vielleicht Gelassenheit. Vielleicht einfach ein bisschen Glück. Niemand zieht jetzt mehr die Augenbrauen so tief. »Was meinst du damit, ich bin dir zu schräg?«, so singen sie sanft, ein bisschen desafinado sein, das ist doch ganz normal. Sie sind es nun, die die schönsten Girls ins Bett kriegen, hoch oben in den steilen Wohnungstürmen. Und nun wird auch die Seleção Weltmeister, die Brasilianer lassen den Fußball zum ersten Mal kinderleicht erscheinen, wie eine simple Fingerübung auf der Gitarre, und ein 17-jähriger Bengel namens Pelé ist ihr neuer, ihr ganz großer Star.

Und nur ein Jahr darauf stirbt Heleno de Freitas, an einem klaren Novembertag, in einem sehr weißen, sehr einsamen Haus an der Avenida São Sebastião.

(erschienen 2013 in 11FREUNDE Spezial „Fußball und Pop“)

Das andere Finale

- Wembley, Ende Mai 2013 – das wichtigste Spiel des Jahres: Crystal Palace gegen Watford! (11FREUNDE #140)
- nominiert f. Longlist des Henri-Nannen-Preis 2014 (Reportage)

»The size of the prize«, sagt Ian Holloway und schüttelt sachte den haarlosen Kopf, »schaut euch nur an, was auf dem Spiel steht.« Weiterreden muss er nicht, alle haben die Zahl seit Tagen im Kopf: 120 Millionen. Eine monströse Zahl ist das, die in Britischen Pfund, der härtesten Währung der Welt, an den Gewinner dieses einen Spiels überwiesen wird.

Wir sind in Wembley, an einem lauwarmen Tag Ende Mai. Glänzend die große Arena, und voller Menschen. Mehr als 82.000 sind gekommen, stolz tragen sie ihre Farben, knallgelb leuchtet die Kurve im Osten, tiefrot die im Westen. Dazwischen passt nur ein dünnes schwarzes Tuch – Farbverläufe gibt es heute nicht. Win or lose, das sind die Optionen, nichts sonst. Es ist also alles genau so wie zwei Tage vorher, als die Bayern hier gegen Dortmund angetreten sind. Nur dass es diesmal, bei Watford gegen Crystal Palace, dem Team von Trainer Holloway, wirklich um etwas geht.

Es geht: um den dritten Aufstiegsplatz in die Premier League. Und um ebenjene 120 Millionen, die er mindestens mit sich bringt. Vor allem Fernsehgeld, die reichste Liga der Welt hat vor kurzem den größten Übertragungsdeal der Geschichte abgeschlossen, selbst das schlechteste Team wird nächstes Jahr gut 60 Millionen aus dem TV-Pool erhalten – plus noch einmal knapp 60 Millionen an so genannten Fallschirm-Zahlungen, die Absteiger automatisch erhalten. Das schönste Worst-case-Szenario der Welt. Achja, und der Verlierer, der kriegt gar nichts – oder, in heimischer Währung: fuck all.

Und doch lächelt Holloway nun, da unten auf dem Rasen, sie spielen »God save the queen«, die Glatze des Trainers glänzt in der Sonne, 80.000 singen, ein englischer Moment, ein großer Moment vor einem großen Spiel, und deshalb lächelt auch der Italiener Gianfranco Zola, der Coach des FC Watford. Beide wissen: Solche Tage sind selten im Leben eines Trainers, egal ob er Zola, Holloway oder Ferguson heißt.

Die ganze Reportage bei 11FREUNDE lesen.

»Händel hätte gesagt: Gut für dich!«

- In Wembley erklingt sie zum 21. Mal vor einem Finale: Die Champions-League-Hymne. Komponiert hat sie einst der Engländer Tony Britten. Ein Gespräch über die Kraft der Klassik, schwierige Textfindung und die Angst des Stefan Effenberg (11FREUNDE #139)

Tony Britten, 1992 beauftragte die UEFA Sie damit, eine Hymne für einen neuen, sonderbaren Wettbewerb namens Champions League zu komponieren. Hatten Sie mit Fußball damals überhaupt was am Hut?
Nicht wirklich. Ich war wenn überhaupt eher an Rugby interessiert. Über die Jahre habe ich dann aber doch einige Spiele gesehen, vor allem natürlich in der Champions League. Und was soll ich sagen: Sie sind die Besten. (lacht)

Welche Anforderungen stellte die UEFA an Sie?
Sie wollten definitiv etwas Klassisches. Etwas, das genügend Schwere hat. Und keinen Solisten. Damals waren die »Drei Tenöre« gerade sehr angesagt. Es war also schnell klar, dass es eine Art Choral werden würde. Aber es sollte auch nicht so klassisch sein, dass ein Massenpublikum wie beim Fußball abgeschreckt wird.

Die Basis für die Hymne bildete schließlich Georg Friedrich Händels Stück „Zadok the Priest“ von 1727.
Von Händel habe ich nur die aufsteigenden Streicher zu Beginn genommen – anders als das einige böse Zungen später behauptet haben. Mit den hohen Trompeten, die dann einsetzen, gab ich dem Stück einen ganz eigenen Sound. Die Musik war ziemlich schnell fertig, das ist eigentlich immer ein gutes Zeichen.

Und der Text?
Der dauerte etwas länger. Am Anfang hatten wir nur die Kernbotschaft: Es ging um die Besten der Besten. Eine Liga für sich. Also erstellte ich eine endlos lange Liste mit Superlativen, die ging über mehrere Seiten! (lacht) Die einzelnen Phrasen ließ ich mir wörtlich in die anderen UEFA-Sprachen übersetzen, ins Deutsche und Französische. Daraus bastelte ich dann den Text.

Einige Passagen, speziell die beiden Strophen, klingen für Muttersprachler ziemlich hölzern. Beispielsweise wenn es um »eine große sportliche Veranstaltung« geht.
Das haben mir damals schon die Übersetzer gesagt. Mir war das bewusst. Am Ende ist die musikalische Funktion der Worte aber mindestens genau so wichtig wie ihre Bedeutung. Am Ende musste ich die Musik entscheiden lassen.

Wie lange dauerte es von der ersten Idee bis zur Fertigstellung?
Nicht sehr lange, das war eine Sache von Wochen, höchstens ein paar Monaten. Die meiste Zeit haben wir dafür gebraucht, all die verschiedenen Versionen vorzubereiten. Vor 20 Jahren forderte noch fast jeder Fernsehsender eine andere Tontechnik. Die einen wollten Dolby, die anderen Stereo, die Russen wollten sogar noch Mono haben. Ich musste einen Mitarbeiter nur dafür einstellen, am Schluss stapelten sich im Studio meterhoch die Kassetten.

Händels Originalstück ist bis heute fester Bestandteil jeder englischen Krönungszeremonie. Gibt es da Parallelen zu einem Champions-League-Endspiel?
Die offensichtliche Ähnlichkeit ist: Es sind beides sehr strikt organisierte Feiern. Das erfordert Monate der Vorbereitung, egal ob bei einer Krönung oder einem Finale. Die Musik muss stimmen, jedes Element muss stimmen. Und es muss am Ende mühelos wirken.

Sie sind auch studierter Dirigent. Haben Sie Ihre Hymne je live aufführen können?
Oh ja. Unvergesslich war das Finale von Bayern gegen Valencia, im San Siro. Wir bekamen nach endlosen, typisch italienischen Verhandlungen die Erlaubnis, mit dem Chor der Mailänder Scala zu arbeiten. Das Stadion war brechend voll. Die UEFA-Offiziellen hatten große Angst, dass uns keiner zuhören würde. Ich stand mitten auf dem Rasen, die Spieler waren schon da. Direkt neben mir stand… Wer war nochmal Bayerns großer Raufbold damals? Stefan…

… Effenberg?
Genau der. Er stand vielleicht anderthalb Meter von mir entfernt. Und wissen Sie was: Selbst der sah richtig ängstlich aus, ganz blass. Als das Orchester-Playback begann, konnte ich überhaupt nichts hören, so laut war es. Gottseidank fiel das auch den Tonleuten auf, die drehten die Musik noch ein bisschen lauter. Der Chor musste einen halben Takt überspringen und wir bekamen gerade noch den Einsatz.

Ein Auftritt vor 75.000 Zuschauern. Einer ihrer größten Momente als Musiker?
Ja. Es war so wild und verrückt und großartig. Das Erlebnis für all die Fans im Stadion und die Millionen am Fernseher noch steigern zu können, war wirklich ein sehr schönes Gefühl.

Wenn Sie Ihre Hymne mit drei Adjektiven beschreiben müssten, welche wären das?
Das ist schwer. Mal sehen… Also: Erhebend. (kurze Pause) Zugänglich. Und… (längere Pause) sagen wir: inspirierend. Ich will nicht vermessen klingen, aber diesen Zweck soll sie erfüllen.

Warum funktioniert klassische Musik in diesem Fall besser als ein moderner Jingle?
Weil sie zeitlos ist. Sie ist eine Sprache, die die Leute verstehen. Wenn Sie einen zeitgenössischen Song schreiben, Pop, Rock, House, dann wird der in einem Jahr veraltet sein. Als die Champions League überall bekannt geworden war, forderten die Sender moderne Versionen der Hymne. Wir gingen also wieder ins Studio und nahmen eine Rock-and-Roll-Version auf, eine Funk-Version und eine Disco-Version. Da waren gute Sachen dabei. Aber keiner wollte sie am Ende haben. Alle entschieden sich für die Urfassung.

Haben Sie mal Beschwerden von Verfechtern der Hochkultur bekommen, weil Sie Händel missbraucht haben?
Wenn es sie gab, dann nicht direkt an mich. Ich finde auch, dass man aufpassen muss, Klassik nicht billiger zu machen, durch schlechte Sänger etwa. Aber ich habe überhaupt keinen Zweifel, dass Georg Friedrich Händel gesagt hätte: Oh, gut für dich, mein Junge!

Erhalten Sie eigentlich auch im 21. Jahr noch Tantiemen, wenn die Hymne gespielt wird?
Ja, von der UEFA. Die übertragenden Sender bezahlen ja horrende Summen. Das bisschen, das für mich abfällt, nehme ich also keinem weg. Ich bin kein Millionär, doch es geht mir gut. Aber von dem, was die Fußballprofis kriegen, kann ich nur träumen.

Rache oder Blut

- Ägyptens Ultras und die Revolution (erschienen im 11FREUNDE-Sonderheft ‘Rebellen’, März 2013)

Der Abend des 1. Februar 2012 muss schön gewesen sein, im malerischen Küstenort Port Said. Ende eines milden Spätwintertags an der Mittelmeerküste, 200 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Kairo. Langsam versinkt die Sonne. Dann wird es schwarz über Äygpten.

Das Meer ist keine 300 Meter entfernt vom Stadion, nur einmal quer über die vierspurige Hauptstraße und durch die geschwungene Anlage eines Urlaubsressorts, dann sieht man schon die Wellen, die geduldig an den Sandstrand schwappen. Um die Stunde, als in den Urlauberhotels für gewöhnlich das Abendessen aufgetragen wird, sterben in der Arena des Al-Masry Sporting Club die ersten Menschen.

Sie sind im Zug und in Bussen aus Kairo angereist, um ein Fußballspiel zu sehen. Sie sind Fans von Al-Ahly, dem größten, beliebtesten, erfolgreichsten Klub des Landes. Nun werden sie zertrampelt, von Ihresgleichen, zerquetscht an den von außen verschlossenen Eisentoren, erschlagen werden sie und erstochen. Über tausend Menschen werden verletzt. 74 kehren reglos nach Kairo zurück, spätnachts, verschnürt in weißen Säcken. Der jüngste von ihnen: Gerade 15 Jahre alt. Zurück bleibt ein Meer aus Schuhen, verstreut in den Gängen des Stadions. Männerschuhe, schwarz, braun, in hellen Farben auch. Die Schuhe der Toten.

Der 1. Februar 2012 hat schnell einen festen Platz unter den schlimmsten Stadionkatastrophen eingenommen, doch das führt in die Irre. Es ging nicht um Fußball an diesem Abend, nicht um die alte Rivalität zwischen Al-Masry und Al-Ahly, zwischen den Grünen und den Roten. Jedenfalls nicht in erster Linie. Es ging, das war den meisten sofort klar, um viel mehr. Es ging und geht auch um die Macht am Nil.

“Was sich in Port Said abgespielt hat, war politisch”, sagt James Dorsey. “Fußball in Ägypten ist per definitionem politisch. Eine Polizeimacht, die nicht an Sicherheit interessiert ist, ist per definitionem politisch.” Dorsey ist Universitätsprofessor in Singapur und publiziert einen viel beachteten Blog über die „turbulente Welt des Nahost-Fußballs“. Auch er weiß nicht die Antwort auf die Frage, wer verantwortlich ist für den blutigen Februartag. „Die kennt wohl keiner“, sagt er. Seine Deutung: „Es ist wohl ein völlig außer Kontrolle geratener Versuch gewesen, die Ultras einen Kopf kleiner zu machen. Es wurde ein Bumerang.“

Die flackernden Fernsehaufnahmen der Katastrophe zeigen deutlich, wie passiv sich die wenigen Sicherheitskräfte verhalten, die sich im Stadioninneren befinden. Vor der Al-Masry-Kurve eine dünne Polizeikette, doch in ihr klafft ein Loch, durch das Hunderte Gewaltbereiter, Bewaffneter ungehindert strömen. Dunkler Schwarm der Jäger. Die Profis von Al-Ahly, rote Trikots, schwarze Hosen, hetzen wie getriebenes Vieh um das Torgestänge, flüchten sich in Todesangst in den Kabinengang. Hier wird Kapitän Mohammed Aboutreika später einen sterbenden Fan in den Armen halten und fragen: „Ist ein Menschenleben so wenig wert?“

Für die „Ultras Ahlawy“, wie sich der harte Kern der Ahly-Fans nennt, ist die Antwort klar. „Diese Leute sind furchtlos“, sagt Dorsey. „Wenn es sie ihr Leben kostet, dann kostet es sie eben ihr Leben. Es macht ihnen nichts aus, und die Polizei respektiert sie dafür.“ So geht die krude ägyptische Logik, vor und nach dem Sturz Hosni Mubaraks.

„Sie wollten uns bestrafen und exekutieren für unsere Beteiligung an der Revolution gegen die Unterdrückung.“ So formulieren es die „Ultras Ahlawy“ kurz nach der Tragödie in einem Statement. Sie geloben einen „neuen Krieg, um unsere Revolution zu verteidigen.“

Um das zu verstehen, was in Port Said geschehen ist, muss man zurück gehen, und zwar genau ein Jahr. Am 1. Februar 2011 schaut die Welt nach Kairo. CNN, BBC, Al-Jazeera berichten schon den ganzen Tag live vom Tahrirplatz im Herzen der Hauptstadt, auf dem sich seit Tagen Tausende Ägypter versammelt und verschanzt haben, mit dem Ziel, das Regime des Hosni Mubarak zu stürzen. Der wirft einen seiner letzten Trümpfe in den Ring: die Kavallerie. Männer auf Pferden und Kamelen sprengen in die Menschenmenge und knüppeln wie wild auf die Demonstranten ein. Die Menschen weichen zurück, panisch fliehen sie vor den trampelnden Hufen und den tanzenden Knüppeln. Unwirkliche, archaische Gewalt. Nach einigen Schrecksekunden aber geht das Fußvolk zum Gegenangriff über, einige der Reiter werden herunter aufs Pflaster gerissen und ihrerseits schwer verprügelt. Die „Kamelschlacht“, wie sie bald heißt, ein Schlüsselakt der Revolution. An vorderster Front mit dabei: Die Ultras von Al-Ahly, gestählt in jahrelangem Stadion- und Straßenkampf mit der Polizei. „Schwingende Knüppel und Tränengas sind für uns nichts Neues“, sagte ihr Sprecher hernach 11FREUNDE. „Es war ganz selbstverständlich, dass wir ganz vorne mit dabei waren, als die Menschen auf der Straße kämpften.“

Neben dem Nachwuchs der Muslimbrüderschaft sind die Ultras Ahlawy und ihre einstigen Rivalen von Zamalek die wichtigsten Gruppen beim Sturz Mubaraks. „Es gibt nur eins, was größer war als der Hass zwischen Al-Ahly und Zamalek“, sagt der Experte James Dorsey: „Der Hass auf das Regime.“ In den ersten Tagen erobern diese jungen Männer Tahrir, preschen vor, werfen Steine und retournieren Tränengas-Patronen, springen wieder zurück, dann wieder vor. Zermürbende Choreografie, immer wieder, bis die Bresche da ist. Vorbereitet sind sie ohnehin bestens, sie haben Zwillen, genügend Steine. Und Sodawasser zum Augenauswaschen. Verwundete transportieren sie auf Motorrädern ab. “Die Ultras haben eine wichtige Rolle dabei gespielt, die Barriere der Angst zu durchbrechen”, sagt Dorsey. “Sie waren die Verteidigungslinie der Bewegung.“

Zwei Jahre später weht ihre Flagge noch immer auf dem Tahrirplatz, ebenso wie die von Zamalek. Ihr Kampf ist lange nicht vorbei.

Die „Ultras Ahlawy“ sind eine mächtige Organisation, und sie sind gut vernetzt. Ihre Facebook-Seite, „UA07“, Initialen plus Gründungsjahr, wird regelmäßig mit Nachrichten gefüttert, sie hat über 700.000 Likes. Das Profilbild im Januar 2013: eine schwarze Fläche. Darüber eine Faust mit brennender Fackel, die arabischen Worte “Al-qusas au al-dam”, das heißt: Rache oder Blut. Auf Englisch darunter, etwas weniger martialisch: „Justice or Revenge“. Der 26. Januar ist das Datum, auf das sie hinfiebern, dann werden die ersten Urteile erwartet gegen die Jäger von Port Said. Wie hart werden sie bestraft? Drei Tage vorher erklärt Staatspräsident Mohammed Mursi die toten Ahly-Fans zu „Märtyrern der Revolution“ und erfüllt damit eine der Forderungen der Ultras.

„Wir wollen keine Märtyrer sein“, hatten sie noch unmittelbar nach dem Sturz Mubaraks gesagt. Mit Port Said aber ändert sich alles. Schon in der Nacht nach der Katastrophe haben sie sich Rache geschworen, als die Überlebenden im fahlen Licht des Ramses-Bahnhofs von Zehntausenden empfangen wurden, die sich auf die Bahnsteige und auf Zugdächer quetschten. Nun singen die Ultras bei ihren Märschen durch die Straßen von Kairo: „Ich höre die Rufe der Märtyrermütter: ‘Wer gibt mir die Rechte meines Sohns?’“

Es geht den Ultras auch um Reformen, vor allem des Sicherheitsapparats. Es waren die Polizisten, die in Mubaraks System den einfachen Leuten in den Armenvierteln Kairos das Leben zur Hölle machen konnten. Sie waren das Gesicht, die Exekutive des Gewaltherrschers, und sie sind immer noch da in den Augen der Ultras, die die Zerschlagung der alten Machteliten fordern. Nicht nur vor Gericht, auch auf der Straße. Ende September 2012 stürmen sie die Redaktionsräume des TV-Senders „Modern Sport“ in der Kairoer Medienstadt. Ende November liefern sie sich blutige Straßenschlachten mit den Sicherheitskräften, auf der prestigeträchtigen Mohammed-Mahmoud-Straße nahe von Tahrir. Muslimbruder Mursi ist ihr neues Ziel. Neues Gewand, altes Herrschaftsdenken? „Nieder mit Mohammed Mursi Mubarak“, rufen die Demonstranten. Die Ultras kämpfen sogar gegen den eigenen Verein, der als größter Klub Ägyptens ganz selbstverständlich verbandelt ist mit den alten Strukturen. Sie erreichen, dass Klubpräsident Hassan Hamdys Reisepass eingezogen, sein Konto eingefroren wird. In typischer altägyptischer Ämterteilung war er auch Chef der Werbeabteilung der staatlichen Zeitung „Al Ahram“. Sie erreichen, dass kein Fußball gespielt wird, solange der Prozess über die Verantwortlichen nicht zu Ende gebracht ist.

Nur ein Spiel wird ausgetragen auf nationalem Level seit Port Said, am 9. September schlägt Al-Ahly das Team von ENPPI 2:1 im Supercup. Kapitän und Rekordspieler Mohammed Aboutreika ist der einzige Profi, der sich dem Boykott der Ultras anschließt. Aboutreika, in dessen Armen ein Ahly-Fan in Port Said gestorben sein soll, ist eine Ausnahme unter den Spielern, die Mehrheit positioniert sich nicht. „Die Ultras haben sich immer als einzige loyale Anhänger des Klubs verstanden“, sagt Dorsey. „Die Spieler waren Söldner. Die Funktionäre waren Regierungslakaien.“

Die Ultras Ahlawy erheben einen großen Anspruch bei der Ausdeutung der Revolutionsziele. Analog zu dem riesigen Banner vom Kairoer Derby, kurz nach ihrer Gründung im September 2007: „We are Egypt“, stand darauf. Sie sind ein Faktor, nach wie vor, auch und gerade auf der Straße. „Can’t stop Ultras“, erklären sie ihren Plakaten.

Und dann kommt der 26. Januar. Es wird ein weiterer blutiger Tag im nach-revolutionären Ägypten. 21 Todesurteile spricht das Gericht im Fall Port Said aus – das Fernsehen transportiert die Bilder live ins ganze Land. In Port Said und weiteren Städten brechen schwere Unruhen aus, es gibt Hunderte Verletzte, mindestens 30 Tote. Mursi verhängt den Ausnahmezustand. Die Ahly-Ultras feiern derweil mit Feuerwerk und Gesängen. Rache oder Blut. „Heute hat die Gerechtigkeit begonnen, aber sie ist noch nicht vollständig“, schreiben sie auf ihrer Seite. „Ruhm allen Märtyrern!“

»Sind Sie ein Held, Monsieur Mekhloufi?«

- Rachid Mekhloufi war ein Star in Frankreichs Fußball, doch er entschied sich, alles aufzugeben und für die Freiheit seiner Heimat Algerien zu kämpfen – mit dem Fußball. Vier Jahre tourte er mit der Auswahl der algerischen Befreiungsfront FLN durch die Welt, spielte in Osteuropa, China, und Nord-Vietnam. (erschienen im 11FREUNDE-Sonderheft ‘Rebellen’, März 2013)

Monsieur Mekhloufi, lassen Sie uns eine Zeitreise machen.

Gerne.

Es ist Frühjahr 1958. Sie spielen in der französischen Liga bei AS Saint-Étienne, sind in den vorläufigen Kader Frankreichs für die WM in Schweden berufen. Gleichzeitig tobt in Ihrer Heimat Algerien ein Krieg gegen die französische Kolonialmacht.

Ich möchte Sie daran erinnern, dass ich nach Frankreich nur als Fußballspieler gegangen bin, wie auch die anderen Algerier. Das erlaubte uns, der Anonymität zu entfliehen und dem Elend. Denn alle Algerier lebten im Elend. Dann wurde ich in die französische Nationalelf berufen, was ich natürlich nicht ablehnen konnte.

Fühlten Sie sich als Algerier, als Franzose oder beides?

Hören Sie, ich habe mich niemals als Franzose gefühlt, das Gleiche gilt für meine gesamte Generation. Ich bin aus einem Ort, der zum Märtyrerort wurde, er heißt Sétif, dort brachte die französische Armee 1945, am Tag des Waffenstillstands, 45.000 Menschen um. An diesem Tag verschrieb ich mich der Revolution.

13 Jahre später gaben Sie ihr gutes Leben als Fußballstar in Frankreich auf. Wie kam es dazu?

Zwei Männer aus meiner Heimatstadt kamen am Vorabend eines Spiels auf mich zu und sagten: »Morgen fahren wir zusammen nach Tunis.“ Ich sagte: „Alles klar, lasst uns gehen.«

Einfach so?

Einfach so. Das Einzige, was ich ihnen sagte, war, dass ich in der französischen Armee war und als Deserteur viel riskierte. Aber es war ein endgültiger Abschied. Es gab keinen Weg zurück, außer nach der Unabhängigkeit.

Sie zögerten überhaupt nicht?

Keine Sekunde! Für mich gab es gar keinen Zweifel, und ich denke für meine Kameraden auch nicht. Es war eine Entscheidung, die man schnell treffen muss – oder gar nicht. Als Fußballer aber fuhren wir ins Ungewisse, wir wussten nicht, ob wir überhaupt jemals wieder würden spielen können. Das war unsere einzige Sorge.

Die Vorbereitungen waren gänzlich im Geheimen abgelaufen?

Ja, der beste Beweis war, dass selbst der FLN in Tunis nicht wusste, dass wir kommen würden. Alles musste genau durchgeplant werden, da alle algerischen Fußballspieler von der französischen Regierung beobachtet wurden. Wenn irgendwelche Informationen durchgedrungen wären, hätten wir in der Falle gesessen.

Wie verlief Ihre Flucht und die der neun anderen Fußballer?

Es gab zwei Gruppen. Die eine fuhr von der Côte d’Azure mit dem Auto nach Italien. Unsere Gruppe floh über die Schweiz. In Genf trafen wir uns mit dem dortigen FLN-Korrespondenten, er nahm uns im Wagen mit nach Italien, von Rom nahmen wir ein Flugzeug nach Tunis.

Hatten Sie während Ihrer Flucht Angst?

Nein, nein. Wissen Sie, der FLN war überall in Europa. Sie hatten überall ihre Organisatoren. Als wir unseren Korrespondenten in Rom gefunden hatten, hielt er schon tunesische Pässe für uns bereit. Die Organisation war gut.

Sie gaben Ihre Karriere auf – und auch die Teilnahme an der WM, die wenige Wochen später in Schweden begann. Haben Sie das bedauert?

Gar nicht. Als ich in Tunis ankam, hatte ich die WM schon vergessen. Das mag Ihnen komisch vorkommen, ich war erst 22, aber, wie gesagt, das Massaker von Sétif hat mich sehr geprägt. Ich habe damals mit neun Jahren viele Dinge gesehen… Schrecklich! Ich habe wohl da schon verstanden, dass ich niemals ein Franzose sein kann.

Gab es nach Ihrer Flucht noch Kontakt mit Ihren früheren Kollegen in der französischen Auswahl?

Ja, den gab es, aber wissen Sie, ab der Minute, in der ich ging, schaute ich nicht mehr zurück. Ich verfolgte die Spiele der Franzosen nicht mehr, ich schaute mir nicht mal die WM in Schweden an. Alles was ich sagen kann, ist, dass ich mit Just Fontaine um einen Platz im Sturm konkurrierte, dem Mann, der bis heute die meisten Tore bei einer WM erzielt hat. Aber ich bereue nichts. Ich habe Stellung bezogen, und damit hat es sich.

Einige andere entschieden sich, in Frankreich zu bleiben.

Ja, einige blieben. Einige algerische Spieler wollten nicht gehen, weil sie noch ihr Studium beenden mussten.

Haben Sie Verständnis dafür?

Ja. Keiner wurde gezwungen, zu gehen. Einige entschieden sich zu bleiben.

Sie aber gingen. Fühlen Sie sich als Held, Monsieur Mekhloufi?

(lacht) Nein, nein. Die Helden liegen unter der Erde. Wir haben doch nur Fußball gespielt. Wir haben immer noch unseren Beruf ausgeübt. Wir waren privilegiert.

Sie repräsentierten die Befreiungsfront auf dem Fußballfeld.

Der FLN hat dieses Team natürlich nicht aus Liebe zum Fußball gegründet. Es ging darum, auf den Krieg in Algerien aufmerksam zu machen. Wissen Sie, zu dieser Zeit wussten selbst die Menschen in Frankreich gar nichts über den Krieg, weil die Regierung alles zensierte.

Gegen wen traten Sie als erstes an?

In Tunis veranstalteten wir das erste nordafrikanische Fußballturnier der Geschichte. Im April 1958 spielten wir gegen Libyen, Tunesien und Marokko. Wir haben gewonnen.

Wie organisierten Sie die Spiele? Die FIFA lehnte Ihre Elf ab.

Stimmt, aber die FIFA hatte nur im Westen Macht. Wir spielten im Nahen Osten, in Asien und Osteuropa, in den Ländern des Kommunismus.

Stimmt es, dass Sie mit Ho Chi Minh gefrühstückt haben?

Oh ja! Der vietnamesische Anführer lud uns zu sechs Uhr morgens ein. (lacht) Und er hatte nicht mal richtige Schuhe an. Er trug alte Reifen an den Füßen, die mit Schnüren zusammengehalten wurden! Es war ein großartiger Empfang von wunderschöner Einfachheit. Er sprach exzellentes Französisch und wir redeten über General Diap, der die französische Armee in Dien Bien Phu besiegt hatte. Er sagte uns: »Ihr habt uns im Fußball besiegt, wir haben die Franzosen im Krieg besiegt, und auch ihr werdet sie im Krieg besiegen.«

Ihre Waffe war der Ball.

Ja, wir haben in der ganzen Welt auf die algerische Sache aufmerksam gemacht. Und wir gaben nicht klein bei. In Polen wollten sie die algerische Flagge nicht hissen. Also weigerten wir uns zu spielen. Das war unsere Mindestvoraussetzung. Außerdem waren wir sehr gute Spieler, und unsere Spiele waren außergewöhnlich.

War es wichtig, die Spiele zu gewinnen und guten Fußball zu zeigen?

Unsere Mannschaft war ihrer Zeit voraus, technisch waren wir so gut wie heute Barcelona. Die Palästinenser haben das gleiche versucht wie wir, aber weil sie kein gutes Team hatten und die meisten Spiele verloren haben, hörten sie wieder auf. So etwas funktioniert nur, wenn man die richtigen Ergebnisse und die richtigen Spieler hat.

Wovon haben Sie gelebt?

Die algerischen Behörden gaben uns Wohnungen in einem Neubaugebiet nahe Tunis. Wir verdienten 50 Dinar im Monat. Ich weiß nicht, was das heute in Euro wäre, aber es war mehr eine Geste als alles andere.

Es war nichts im Vergleich zu Ihrem Gehalt in Frankreich.

Ja. Aber dass sie uns überhaupt etwas gaben, war eine nette Geste.

Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

In den vier Jahren mit dem FLN wurde ich ein verantwortungsvoller Mann. Ich entwickelte mich persönlich, lernte viel dazu, nicht nur über Politik und Gesellschaft, auch über das Leben an sich. Ich lernte zu sprechen, wie ich heute spreche. Vorher war ich ein naiver junger Mann gewesen, der Fußball spielte. Fußballer hatten damals in Frankreich nichts zu sagen, man machte sich über sie lustig. Aber ich entwickelte mich auch auf dem Platz.

Inwiefern?

Ich veränderte meine gesamte Spielweise. Vorher war ich immer nur direkt aufs Tor gegangen. Indem ich in diesem exzellenten Team spielte, nur dadurch, dass ich meine Mitspieler beobachtete, wurde ich ein Stürmer-Organisator.

Sie lernten, den Ball mit den anderen zu teilen?

Ja, ich verteilte den Ball. Ich lernte, den Ball für andere Torschützen aufzulegen.

Wie erging es Ihrer Familie unterdessen, hatten Sie Kontakt zu Ihren Verwandten?

Dass meine Mutter gestorben war, hörte ich erst ein Jahr später. So etwas ist furchtbar. Sie hatte Diabetes, und ich fühlte mich mitschuldig, weil emotionale Schocks gefährlich sind für Menschen, die an dieser Krankheit leiden. Vielleicht, als sie hörte, dass ich aus Frankreich geflohen bin… (schweigt)

Was hörten Sie sonst aus der Heimat?

Einmal, ich glaube es war in Rumänien, kam ein Mann auf uns zu gerannt und rief: »Ihr seid unabhängig!“ Aber er hatte es falsch verstanden. Er meinte den Putsch der Generäle im Jahr 1961. Der arme Mann hat sich was anhören müssen von uns…

Wo erfuhren Sie von der echten Unabhängigkeit?

In Tunis. Wir hörten es von Politikern, Ben Bella, der künftige algerische Präsident, befand sich gerade in der Stadt. Einige ältere FLN-Spieler kehrten nach Algerien zurück, ich war erst 25 und ging nach Genf, um meine Rückkehr nach Frankreich vorzubereiten.

Sie gingen zurück nach Saint-Étienne. Wie wurden Sie, der Deserteur, aufgenommen?

Der Klubpräsident war mutig genug, mich zurückzuholen. Ich war besorgt, ich dachte, die Leute würden ihrem Ärger Ausdruck verleihen, doch als ich zum ersten Spiel ins Stadion einlief: Eisige Stille. Stellen Sie sich vor: 20.000 Menschen, und es herrschte Todesstille. Ich dachte: »Oh, Rachid, heute wirst du bezahlen.« (lacht)

Wie lief Ihr Comeback?

Das Spiel begann, und ich hatte den Ball. Ich machte irgendetwas, das ich noch heute nicht glauben kann, ich weiß nicht, was genau, jedenfalls passte ich den Ball genau zu einem Mitspieler und er traf. Die Leute jubelten und schrien »Rachid ist zurück!« Das Bild des alten Fellagha (Bezeichnung für algerische Freiheitskämpfer, d. Red.) löste sich mit einem Mal in Luft auf. Zurück blieb nur der Fußballer. Und dann begannen die wunderschönen Tage mit Saint-Étienne.

Und Sie, hatte sich Ihre Wahrnehmung der Franzosen durch die Kriegsjahre geändert?

Wir hatten ja nur das Bild der Franzosen in Algerien, nur gegen die waren wir. Sie waren böse, Rassisten. Sie schickten uns auf schlechtere Schulen. Nur dadurch, dass wir nach Frankreich gingen, konnten wir der Segregation entfliehen. Heute mag es in Frankreich rechte Parteien geben, die Rassisten sind und Araber nicht ausstehen können. Aber als ich 1954 nach Frankreich kam, waren die Franzosen dort immer nur sehr nett zu mir.

Was hat Sie all die Jahre im Exil angetrieben?

Alles, was wir brauchten, waren Spiele und Turniere. So blieben wir im Gleichgewicht. Manchmal hatten wir keine Perspektive, dann war es schwieriger. Aber wir spielten 84 Spiele. Und wir trafen auf Menschen und Völker, die nicht wussten, wo Algerien lag und was dort passierte. Wir machten Politik, besuchten Fabriken und diskutierten mit den Arbeitern. Es ging um viel mehr als Fußball, aber der Fußball half uns, weil wir ein großartiges Team hatten und die Leute sich für uns interessierten. Durch uns haben viele von Algerien gehört.

Heute leben Sie in Tunis, wie damals während Ihrer FLN-Zeit.

Nun, ich habe eine Tunesierin geheiratet. Ich hatte ja vier Jahre Zeit, mir eine auszusuchen… Heute lebe ich zwischen Tunis, Algier und Paris, wo mein Sohn lebt. In Algier besuche ich Freunde und arbeite mit dem FLN, die versucht, Fußballschulen aufzubauen. Und hier in Tunis lebe ich direkt am Meer, in einem Haus, das aussieht wie ein Boot. Können Sie sich das vorstellen?

Du genialer Zaubermensch

Es war schweinekalt im Stade de France, vielleicht null Grad, vielleicht weniger. Ich konnte mir selbst beim Atmen zusehen. Doch was sich gekleidet hatte wie ein dunkler Winterabend, fühlte sich ganz anders an. Denn da unten im gleißenden Licht machtest Du Dinge, die selbst verhärmte Männerherzen erglühen lassen.

Und ja, ich schäme mich meiner Gefühle nicht: auch mein dunkles Herz wurde licht.

Özil – oder darf ich: Mesut! – was haben wir, was habe ich Dich vermisst in all den Jahren vor, nunja, Dir. Ich wusste es nicht mal. Lange Zeit, eigentlich ewig, hatten die Franzosen ja zum Beispiel Zidane, und der führte alle vor, wie er wollte. Immer und immer wieder. Auch uns.

Es gab da mal ein Spiel auf Schalke, 0:3 ging das aus, glaube ich – nicht so wichtig, denn viel eindrücklicher als das Ergebnis war das Gefühl der Demütigung, so grausam, diese Schmach durch Zizous Pirouetten, und die Befürchtung, nein, die Gewissheit, dass der deutsche Rumpelfußball niemals einen solch großen Meister hervorbringen würde.

Und jetzt, Mesut, jetzt dieser magische Abend von Paris. Dieses Raunen der Fans, Deutsche wie Franzosen, wenn Du den Ball berührtest! Dieser Hackentrick in der ersten Hälfte, mit links hinter dem Standbein entlang, oh, ich habe alles genau sehen können von meinem kalten Sitz hoch oben unterm Dach!

Um mich herum jauchzten kaum verhohlen Männer mittleren Alters über Deine Richtungsänderungen, die Körpertäuschungen, die kleinen Demütigungen – mitunter löffelst Du den Ball ja wie ein Klümpchen Kaviar – und dann diese Pässe wie der vor Khediras 2:1, Pässe wie eine straffe Gitarrensaite, nie im Ton vergriffen.

Wer ist noch Referenz für Dich an solchen Abenden? Wem, außer Messi und vielleicht Ronaldo, musst Du Dich überhaupt noch unterordnen in der weltweiten Hitliste der Techniker?

Dabei wirkst Du in Deinen Bewegungen zunächst immer so, als habest Du Dich nur von Deinem großen Bruder zu einem Spiel im Käfig überreden lassen. Na gut, ich mach dann auch mal mit. Schleppenden Schrittes, den Oberkörper gebeugt, ziehst Du scheinbar gleichgültig Deine Kreise.

Aber dann, dann, oh, wehe dem, der sich davon täuschen lässt, dann eine blitzschnelle Aktion, ein kurzer Sprint, ein Haken oder eben eines dieser blitzgescheiten, zauberhaft schnurstracken Zuspiele.

Nein, wirklich, ich kann es nicht anders sagen: Es is’ so schön, dass es Dich gibt! Denn Mesut, Du genialer Zaubermensch, wir haben Dich lange, viel, oh, allzu lang vermisst. (11FREUNDE.de)

Der Tag, an dem der FC Bayern starb

- Rückblick: Finale dahoam (11FREUNDE.de)

Der Tag, an dem der FC Bayern starb, war traumhaft schön. Kaum ein Wölkchen trübte den tiefblauen Himmel über dem Englischen Garten, die Menschen saßen auf Bänken in der Sonne, sie redeten, und bisweilen sangen sie auch. Bierkrüge klirrten, die grünen Blätter der Bäume rauschten sanft im Wind. Weißbierwetter.

Nur der Flaschensammler störte kurz die Idylle, ein abgerissener Afrikaner mit Dreadlocks und kaputter Hose, einen riesigen Müllsack auf dem Buckel. »Drogba!«, murmelte er vor sich hin. »Yes, yes. Watch Drogba!« Wie bitte, was? »He’s dangerous! Yes, yes, he is!« Kaum einer nahm Notiz von dem Mann, nur hin und wieder drehte sich jemand um, mit einem müden Lächeln, mit dem man einem kleinen Kind begegnet, das gerade behauptet hat, es werde später Astronaut, ein Lächeln für Betrunkene und Geisteskranke.

Der Flaschensammler hatte sie offenkundig nicht mehr alle. Drogba? Chelsea? Nein, die Engländer waren in diesem superhappy Sommerfest nur geduldete Gäste, sie waren die bunten Wimpelchen am Zaun, die eifrigen Kellner, die den bierseligen Bayern den schäumenden Krug direkt an den Tisch servierten. Chelsea, der Treppenwitz dieses Endspiels. Im Viertelfinale schon draußen, im Halbfinale auf groteske Art siegreich gegen den großen FC Barcelona. Statt Messi, Iniesta und Xavi war also eine bessere Altherrentruppe nach München gereist. Perfekt, danke, läuft. Dachte ich, dachten alle.

München feierte rein in dieses Champions-League-Finale, ab mittags. Brezen, Sonne, mia san Bier. Und ich, der die Bayern nie gemocht hatte, tauchte ein in die allgemeine Glückseligkeit, bestellte mir eine Halbe, strich mir den Schaum aus dem Bart und freute mich auf das, was da kommen mochte. Nur auf dem Weg hinunter in die U-Bahn, Station »Universität«, kam er mir noch einmal in den Sinn, nur ganz kurz, der gemeine Satz: Was wäre wenn?

»My time is now«, stand da, auf der Werbetafel neben einer Abbildung von Didier Drogba.

Stunden später. Ecke für Chelsea. Die erste. Für Bayern hat Kroos schon gefühlt 20 reingebracht, ungefährlich allesamt, aber was soll’s? Es steht 1:0 für die Bayern, 1:0 für München, für die Party.

And now goal. Was David Luiz im Vorbeilaufen dem völlig fertigen Bastian Schweinsteiger steckte, war bei uns auf der Tribüne nur ein bitterböses Unken. Und dann: Goal. Kopfball. Drogba. So absurd und gleichzeitig so folgerichtig, dass mir in dem Moment nicht mal der Flaschensammler einfiel. Mir fiel, wie allen, in diesem Moment überhaupt nichts mehr ein. Außer Schweinsteiger. Der war schon in der 65., 70. Minute mit pumpendem Oberkörper an der Seitenlinie gewesen, hatte gierig getrunken, der Körper völlig kaputt, der Wille machte ihn funktionieren. Was macht Schweinsteiger? Er kämpft. Mit sich, gegen sich.

Dann Verlängerung. Dann Elfmeter. Drogba foult, Robben schießt. Schweinsteiger sieht nicht hin. Die falsche Seite der Arena jubelt. Schweinsteiger wird von seinem Torwart hochgerissen, er scheint lange zu brauchen, bis der Wille wieder stärker ist als der Körper. Ich beobachte jetzt nur noch ihn. Und Drogba. Ringkampf der verlorenen Seelen. Drogba stolziert in den Pausen auf und ab, vor sich hin murmelnd, wie ein Voodoopriester, wie in Trance. Und Schweinsteiger spielt eine grandiose zweite Verlängerungshälfte, dies hier ist sein größtes Spiel, zweifellos. Dann kommt das Elfmeterschießen. Und Schweinsteiger. Und Drogba. Und dann ist es vorbei, das Spiel, das Bastian Schweinsteiger dreimal verlieren und Didier Drogba dreimal gewinnen musste, ehe es endlich entschieden war.

Die Stimmung in der Stadt zu beschreiben, danach, ist unmöglich. Beerdigungen sind schöner. Später, schon weit nach Mitternacht, eine winzige, traurige Kneipe an der Schleißheimer Straße. Erbarmungswürdige Gesellschaft. Gramgebeugte Bayern-Trikots am Tresen. Trotz Musik und Geplauder: Totenstille. Und ich, der Bayern-Hasser, der sich 1999 noch gefreut hatte, dass die Bayern einen drauf bekommen hatten, wollte am liebsten hingehen und sie trösten und ihnen sagen: Es tut mir Leid, für heute – und für damals. Das habt ihr nicht verdient. Sowas hat keiner verdient.

Aber in Momenten wie diesem gibt es nichts zu sagen.

Ich zahlte mein Bier und ging langsam nach Hause.

Hurra, der ganze Park ist da!

- Dänemarks Sensationsmeister FC Nordsjaelland tritt gegen Champion FC Chelsea an

Berlin (dapd). Zum Glück zieht Dänemarks Meister, der FC Nordsjaelland, für seine Spiele in der Champions League in die Metropole um, in den Parken von Kopenhagen. Ein Trip ins Nördliche Seeland, in die Kommune Farum, wäre den edlen Stars des FC Chelsea wohl auch nicht zuzumuten gewesen. Was hätten sie sich am Vorabend des Spiels anschauen sollen? Die kleine Backsteinkirche aus dem 12. Jahrhundert? Und hinter dem 10.000-Besucher-Stadion, dem Farum Park, kommen ja nur noch zwei kleine Familienhaussiedlungen, und dann kommt schon das freie, grüne Land.

Es ist ein etwas groteskes Duell, das die UEFA für den Dienstag (20.45 Uhr) angesetzt hat, eine Partie wie aus den Urzeiten des Wettbewerbs, als sich Europas Große in den ersten Runden mit Champions der Winzligen herumschlagen mussten.

Hier: Der Sensationsmeister aus der Kleinstadt, 18.400 Einwohner, von denen jeder also noch locker einen Gast von außerhalb mitnehmen könnte, um das Ausweichstadion zu füllen. Dort: Der Champions-League-Sieger aus der Olympiastadt, unterwegs im stolzen Auftrag des Milliardärs Roman Abramowitsch.

Man hatte zuletzt geglaubt, dessen Spendierfreude habe sich beruhigt, doch der größte europäische Vereinstitel hat sie wohl eher noch einmal befeuert. 100 Millionen Euro hat Abramowitsch bekanntermaßen im Sommer in Umlauf gebracht, im Winter will er sich laut britischen Medienberichten noch einmal für 56 Millionen Euro den kolumbianischen Angreifer Radamel Falcao angeln.

Der dänische Meister hat sich, das nur zum Vergleich, auf zwei Transfers der genügsameren Kategorie beschränkt, und nicht mehr als 400.000 Euro in die Hand genommen. Man setzt auf Jugendarbeit, sogar Michael Laudrup schickte seinen Sohn Andreas nach der Akademie von Real Madrid auf die Jugendschule Nordsjaellands. Nun steht er im Profikader. “Wir kaufen keine Stars, aber wir tun unser Bestes, welche zu entwickeln”, sagt Sportdirektor Jan Laursen. Das gelingt immer öfter, mit allen üblichen Folgen: Nach der besten Saison der Vereinsgeschichte hat der erst seit 2003 unter diesem Namen spielende FC Nordsjaelland drei Spieler zum dänischen EM-Team entsandt, nur der 20 Jahre alte Verteidiger Jores Okore ist zurückgekehrt. Für Andreas Bjelland (Twente Enschede) und Tobias Mikkelsen (Greuther Fürth) haben sie immerhin gut drei Millionen Ablöse erhalten. Dazu die 20 Millionen für die Champions-League-Teilnahme, ein Quantensprung für den sich seit Jahren in kleinen Schritten entwickelnden Verein.

Nach dänischen Medienberichten überweist Klubbesitzer Allan K. Pedersen einigen Spieler im Nordsjaelland-Kader nur 5.500 Euro pro Monat, ein Betrag, für den sich Chelsea-Stürmer Fernando Torres, der überlieferte 250.000 Euro die Woche einstreicht, wohl nicht einmal einen halben Stutzen anziehen würde.

Nein, der Vergleich mit Chelsea ist keiner, den Nordsjaelland gewinnen kann – dass es ihn am Dienstagabend überhaupt gibt, ist der Erfolg. Trainer Kasper Hjulmand wird seine Spieler dennoch wieder ihr Spiel spielen lassen, dänisches “Tiki-Taka” nennen sie das stolz, selbst beim 0:2 bei Schachtjor Donezk vor zwei Wochen hatten sie 56 Prozent Ballbesitz und fast 200 Pässe mehr zum Mann gebracht.

Wie es mit dem Überraschungsteam mittelfristig weitergeht, ist derweil unklar. Der boxernasige Pedersen steht ab Januar vor Gericht. Er verkaufte sich selbst vor vier Jahren 93,6 Prozent der Klub-Anteile zum “Freundschaftspreis” von 67.000 Euro. Nur wenige Wochen später ging sein Unternehmen bankrott, das ihn nun verklagt. Verliert er, muss sich der FCN auch einen neuen Eigner suchen.

Doch das wird all die Jesper Hansens und Sören Christensens am Dienstagabend nicht so recht interessieren. Der FC Chelsea ist zu Gast – wenn auch nicht in der heimischen Kommune, dann immerhin an der Stätte guter Erfahrungen: der Pokalsiege 2010 und 2011.