Unter dem Vulkan

Schickt sie als allererstes hierhin, die Besucher, die Touris, und wenn sie dann noch wollen und können, dann dürfen sie sich gerne den Rest der Stadt anschauen.

Oder vielleicht doch lieber nicht.

Weil der Nettelbeckplatz, dieses große graue Nichts, eben gerade nicht vom Dasein, sondern von der Abwesenheit vieler Dinge lebt. Ohnehin schwierig mit der Existenz hier oben, zehn Minuten nördlich der Friedrichstraße.

Was fehlt ist schon mal ein Plan. Hatten sie hier noch nie.

Dafür jede Menge Fantasie. An der Ecke Reinickendorfer steht einer der bizarrsten Neubauten der Stadt, halb Wäscheständer, halb Bunker, dann gibt es noch ein paar Altbauten und die S-Bahn-Trasse.

Im „Dubrovnik“ wird gerade groß umgebaut, es gibt die Kegler-Klause, den türkischen Bäcker, je zwei Spätis und zwei Dönerbuden direkt nebeneinander. Und jetzt hat 100 Meter die Straße runter auch noch das Wedding Grillhaus aufgemacht.

Läuft.

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Wasser und Himmel

Wenn du Ruhe suchst in der Stadt, geh ans Ende der Sackgasse. Leicht zu erkennen, die rot-weißen Poller, die Fahrradständer, die zwei Cafés, eigentlich sogar drei, auf der anderen Straßenseite ist ja auch noch eins. Hier haben die Häuser Türmchen und die Fahrradwege Wurzeln.

Die großen Bäume am Ufer. Wasser und Himmel und Bäume und Ruhe. Da, wo die Straße endet.

Pekinger Platz nennt sich das, aber ein Platz ist es nicht, eher ein Ort, und an China erinnert schon gleich gar nichts, steht China doch heute für alles, was es hier eben nicht gibt: Lärm, Smog, Gedränge.

Hier am Nordufer wendet sich der Wedding von sich selbst ab und schaut rüber ans andere Ufer. Grüßt die Lastkähne und die Industriehallen, im Wissen, dass es sich hier auf dieser Seite auf jeden Fall viel besser aushalten lässt. Vielleicht ist er ja sogar nirgendwo schöner, dieser Wedding, als hier, an seiner Grenzpromenade.

Wer es bis hierhin geschafft hat, der hat einiges richtig gemacht.

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Immer die Panke hoch

Entlang der Panke soll es sehr schön sein und sehr grün, so hatte man es dem Reporter erzählt. Also zog er sich die Wanderstiefel an und lief los, ein bisschen Ruhe suchend. Gefunden? Naja.

Es war oben am S-Bahnhof, als die Stadt dem Wanderer noch einmal ihr Gesicht zuwandte. Sie trug eine Trainingsjacke der brasilianischen Selecao, die Stadt, sie hatte zwei Kumpels dabei und schleuderte dem Wanderer einen Satz entgegen, ziemlich wütend und atemlos, sodass es mehr wie ein einzelnes Wort klang: Morukwarumbrauchendiesolangeichfickedieja.

Bevor sich der Wanderer auch nur den Ansatz einer geistreichen Antwort überlegen konnte (er wusste ja leider auch nicht, warum!), waren die drei Halbstarken schon um die nächste Ecke verschwunden. Besser so. Nicht ablenken lassen.

Es galt ja einen Plan zu verfolgen.

Der Plan, das war an diesem durchaus schönen Montagmittag, 20 Grad und ein paar weiße Wolken: mal hinaus ins Grüne zu fahren, beziehungsweise: hinein, denn das Grüne lag in diesem Fall mitten in Berlin – entlang des kleinen Flüsschens Panke, das sich quer durch den Berliner Ortsteil Gesundbrunnen schlängelt. Von der Mündung unten an der Müllerstraße sollte die Wanderung gehen bis hinauf zur Bezirksgrenze am S-Bahnhof Wollankstraße, wo Pankows grüner Bürgerpark beginnt. Der Wanderer, der eigentlich nur ein Reporter in Wanderstiefeln war, hatte gehört, dass es sich Panke-aufwärts ganz vorzüglich ausschreiten ließe. Perfekte Voraussetzung, um die Stadt und all ihre Lautheiten gleich zu Wochenbeginn mal hinter sich zu lassen. Gute vier Kilometer, immer am Ufer entlang.

Auf, auf!

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Wir sind Helden

Fünf Monate haben Grundschulkinder in drei Berliner Kiezchören mit Profi-Musikern geprobt, dann hatten sie ihren großen Auftritt in der Philharmonie. Wir haben sie begleitet. (128 Magazin, Juni 2014)

„Helden“, sagt Marwan, „kenn ich, hatten wir neulich in Englisch. HEROES!“ Marwan spricht das fremde Wort langsam und vorsichtig aus, aber wen er aufgeschrieben hat, weiß er jetzt auch nicht mehr. Ist vielleicht die Aufregung. Man muss das verstehen, es ist Marwans erstes Interview. Es ist der Tag nach seinem zwölften Geburtstag.

Zwölfjährige geben der Presse normalerweise keine Interviews, klar. Es sei denn, sie heißen Macaulay Culkin und haben gerade „Kevin allein zu Haus“ abgedreht. Kennt Marwan natürlich auch, die Kevin-Filme, den ersten findet er am besten, aber er selbst hat noch in keinem Film mitgespielt. Er ist ein ganz normaler Junge aus Moabit, Carl-Bolle-Grundschule, sechste Klasse, Lieblingsfächer Englisch, Mathe, Religion und IE, das steht für Interkulturelle Erziehung.

Warum also sitzt Marwan hier, an einem Cafétisch im Einkaufszentrum MoaBogen, am U-Bahnhof Birkenstraße, vor sich einen riesigen süßen Pfannekuchen, den sie anderswo Berliner nennen, und gleich daneben ein Aufnahmegerät?

Die Antwort hat mit dem Poster zu tun, das seit Dezember in Marwans Zimmer hängt, mit einem Kaugummi, von dem die Zunge blau wird, mit einem Heinzelmännchen und mit einem schwarzen Halstuch. Und mit Judith Kamphues.

„Die ist nicht streng“, sagt Marwan, „die ist nett“. Sie kennen sich, ganz gut mittlerweile, kann man sagen. Seit Oktober, seit den Herbstferien, haben sie sich ja jede Woche gesehen, immer dienstags, immer um halb fünf, Rostocker Straße, Stadtschloss, so heißt dieser Ort, und wie ein König kannst du dich fühlen, wenn du dort warst und anderthalb Stunden gesungen hast, mit heller Stimme, aus voller Kehle.

Aus ganz normalen Berliner Kindern Helden zu machen, das ist der Plan. Vokalhelden, genau genommen, diesen Namen hat die Education-Abteilung der Berliner Philharmoniker für das Projekt ausgesucht. Musikalische Laien für die Musikkultur zu begeistern, das strebt das Programm seit seiner Gründung vor zwölf Jahren an. Menschen zusammenzubringen, das sei doch ohnehin das Beste, was die Musik leisten könne, hat Dirigent Simon Rattle mal gesagt.

Und so kommen sie also zusammen, jede Woche, all die Kinder und Chorleiter und Stimmbildner und Organisatoren und, nicht zu vergessen, die Ehrenamtlichen. Ohne deren Einsatz, zuverlässig, warmherzig, ohne viel Gewese, das hier alles ohnehin nicht funktionieren würde. Geprobt wird in drei sehr verschiedenen Berliner Kiezen, dienstags also in Moabit, im großen Saal im Hochparterre, an dessen Decke rosafarbene Tücher hängen, mittwochs in Schöneberg, direkt an der lauten Pallasstraße, und donnerstags in Hellersdorf, in einem Bungalow, der versteckt an einem Fußgängerweg zwischen Neubauten liegt.

Es ist kurz nach halb fünf an einem Dienstag im Stadtschloss Moabit, und die Helden sind ziemlich laut. „Ich zähle bis drei“, ruft Judith Kamphues, „dann seid ihr alle still. Okay? Und beim zweiten Mal geht ihr alle im Kreis.“ Die Kinder stehen gespannt da. „Und los. Einatmen. Zusammen. Ausatmen. Auseinander. In die Knie wie beim Skifahren. Boxen nach vorne. Aber bitte ohne jemandem wehzutun.“ Alles trippelt durcheinander.

„Was heißt eigentlich Vokal?“, fragt Marwan zwischen zwei großen Stücken Pfannekuchen. Klingt wie Vokabel, findet er. „Heißt das: stark?“ So ist das dann manchmal auch, wenn die Erwachsenen sich gute Sachen für die Kinder ausdenken. Sie kommen in ihre Klassen, holen sie mit Bussen ab, sorgen dafür, dass sie in den Pausen genug Wasser trinken und Bananen essen oder Müsliriegel, aber den Kindern zu erklären, was das komische Wort mit dem V bedeutet, das haben sie glatt vergessen.

Andererseits ist das aber auch Schöne an diesem Alter, zwischen sieben und zwölf: dass man sich noch keine Gedanken über alles machen muss. Dass man Sachen einfach macht. Weil man Lust drauf hat. Warum genau, darüber sollen sich dann doch bitteschön die Erwachsenen einen Kopf machen.

Warum singst du im Chor, Marwan? „Weiß auch nicht.“ Es ist eine Weile still, Marwan zuppelt ein bisschen an dem schwarzen Halstuch, das er immer trägt, es hält auch ein bisschen die Stimme warm, aber es ist eh sein Lieblingstuch. Dann sagt er: „Weil’s Spaß macht.“

Die Kinder in Moabit laufen als Schlingpflanzen durch den Raum und dann als große und kleine Fische, in den großen Spiegeln, die an der Längswand hängen, sieht man sie alle noch ein zweites Mal. Ein Mädchen hat einen grünen Pulli an, auf dem steht „Noise“, und das S ist verdreht. „Schulter kreisen, Unterkiefer lockern“, das Aufwärmen geht lange, eine Viertelstunde oder länger, „das ist wichtig für die Kinder“, sagt Chorleiterin Kamphues. „Die meisten haben von ihren Eltern nach der Geburt eben keine Geige in die Hand gedrückt haben.“

Laut stöhnen sie auf, als das Aufwärmen vorbei ist. „Gibt’s irgendwelche Fragen?“, fragt Judith Kamphues, bevor es weitergeht. – „Jaaaa“, ruft ein Mädchen. – „Was denn?“ – „Nee, doch nicht.“

Liebenswürdige Chaoten, das sind Kinder. „Ein Kessel Buntes“, sagt Judith Kamphues. Sonst arbeitet die 46-jährige gelernte Opernsängerin und Gesangspädagogin meist mit der Elite, zum Beispiel mit den Kindern vom Berliner Staats- und Domchor. Zwei Welten. Dort Kinder, die von kleinauf Proben und Disziplin gewohnt sind, die ständig gefördert und gefordert werden, und hier nun Mädchen und Jungs aus allen Kiezen und Schichten und Familien. Einzige Vorbedingung: Interesse am Singen. „Ich schicke niemanden nach Hause, der sich traut, bei uns mitzumachen“, sagt Judith Kamphues.

Hier, in Moabit, Schöneberg, Hellersdorf, geht es um viel mehr, als dass immer alle sofort den gleichen Ton treffen. Es geht um die Gruppe. Um Toleranz auch, um das Aushalten des anderen, auch wenn der mal einen Fehler macht. Und, klar, um Selbstbewusstsein. „Es geht mir darum, dass die Kinder sich trauen, den Mund aufzumachen, auch woanders, auch in der Schule“, sagt Kamphues. „Dass sie merken: das macht mir Spaß, ich muss mir nicht in die Hosen machen.“

Bist du schon ein Vokalheld oder wirst du einer? Den Posterspruch sieht Marwan jeden Morgen um sieben, gleich nach dem Aufstehen, er hat sich das Poster an die Wand gehängt, das Zimmer teilt er, jüngstes von sieben Geschwistern, sich mit seinem älteren Bruder. Der wird bald schon 14 und seine Stimme ist schon viel tiefer. Dienstags um vier, wenn die Schule aus ist, geht Marwan zusammen mit Mariam, rüber zum Stadtschloss, sind ja nur 500 Meter. Mariam geht auch in seine Klasse. Sonst ist keiner dabei. „Manche sagen, sie kommen mal mit“, sagt Marwan, „aber machen die nicht. Finden die langweilig.“

Neulich, sagt Judith Kamphues, habe sie in ihrem Garten gebuddelt, als ihr plötzlich etwas auffiel. Sie merkte, dass sie an die Kinder dachte, nicht ihre eigenen drei, sondern an die Kinder aus Moabit. „Ich dachte, wie geht’s wohl Mariam, letztes Mal hat sie ja mit der geredet, ob die sich wohl verstehen?“ Die Sorgen einer Mutter, so klingt das. „Ist vielleicht hoch gegriffen, aber ein bisschen wie eine Familie, so wollen wir zusammenwachsen“, sagt sie. „Eine Gruppe schaffen, in der die Kinder wissen, sie sind unter sich, und es ist egal, wie alt sie sind, egal ob Junge oder Mädchen.“

In Moabit teilt Marwan die Notenblätter aus. Marwans Zunge ist heute komplett blau, sein Mund auch. „War ein ganz normaler Kaugummi“, sagt er und grinst ein blaues Grinsen. „Die Heinzelmännchen“, so heißt das Stück, das die drei Kinderchöre aus den drei Berliner Kiezen proben, für ihren großen Auftritt in der Philharmonie. Es ist kein ganz einfaches Chorstück, aber es muss ja auch nicht immer alles piepeinfach sein, auch für Kinder nicht.

Nun fangen sie an zu singen, laut und fröhlich, besonders die letzte Silbe jeder Zeile macht den Kindern Spaß. „Wie war in Köln es doch vordeeeeeem, mit Heinzelmännchen so bequeeeeem.“ Es ist ein langes Lied, aber sie haben es sich ja auch aufgeteilt, drei Stadtteile, drei Chöre, die dann zu einem werden sollen, an einem Samstag Mitte Februar in der Philharmonie. Fünf Proben haben sie. Das ist nicht viel.

„Sie sägten und stachen und hieben und brachen, berappten und kappten“, das Lied ist voller alter, fremder, lustiger Wörter, und die Kinder singen sie und sprechen sie und lachen und dann gibt es eine kurze Pause. Entspannungsübung. Neue Konzentration. Betonung! „Berrrrappten. Und Kkkkappten.“ Die Konsonanten kann man gar nicht klar genug aussprechen. Dann dürfen die Kinder sich setzen.

Jede Probe ist wie eine Welle. Konzentration, Entspannung, Konzentration, Entspannung, immer wieder mal hinsetzen zwischendurch, immer wieder mal lockern, anders geht das hier nicht. Es ist kurz vor halb sechs, die Probe fast schon eine Stunde alt, „gleich ist Pause“, ruft Judith Kamphues, „kommt, einmal noch“. Kinderstöhnen. Aber natürlich stehen alle noch mal auf.

„Eigentlich habe ich gar keinen Held“, sagt Marwan. Er überlegt lange. „Ärzte!“, sagt er nach einer Weile. „Die retten ja Leben.“ Seine Schwester, die wolle Kinderärztin werden, sagt er, Schulsprecherin ist sie schon. Und dann fallen ihm doch noch ein paar ein: „Polizisten. Oder Fluglotsen. Die helfen auch bei einer Notlandung“, sagt er. „Die Feuerwehr!“ Feuerwehrmann, das würde er gerne machen, sagt Marwan, oder Pilot. „Aber eigentlich“, sagt er, „lieber Co-Pilot“. Wobei das mit dem Fliegen so eine Sache ist. Geflogen ist er schon oft, nur vor dem Start hat er immer noch Angst, „ich schlafe dann immer ein“. Vor der Landung hat er sich noch nie gefürchtet. Jeden Sommer fliegt er mit seiner Familie in den Libanon, ans Meer, sechs Wochen, die ganzen Ferien, da gibt es den besten Fisch, und Fisch ist Marwans Lieblingsessen.

„Schniegeln! Striegeln! Schhhhhniegeln! Schhhhhtriegeln!“ Die Kinder zischen um die Wette. Der 15. Februar, der Tag des Auftritts, ein trüber, windiger Tag in Berlin. Foyer des Kammermusiksaals, erster Stock, aus dem großen Außenfenstern, die vom Boden bis zur Decke reichen, sieht man den Backsteinturm der Matthäuskirche, einen kahlen Baum und einen Baukran. Vor dem Fenster stehen genau 59 Kinder auf drei Stufen. Zum ersten Mal singen sie zusammen, alle drei Chöre, es ist ein Experiment im Experiment. Um halb drei schon ist der Auftritt, direkt vor dem Kinderkonzert, das erste Mal vor Zuschauern. Aufregend. „So“, sagt Judith Kamphues in den Kinderlärm hinein, „Hellersdorf, bitte. Die Bäckermeister, von vorne.“

Und dann kneten sie, die Heinzelmännchen, und fegen und backen und klopfen und hacken, und die Kinder legen sich richtig ins Zeug, genau wie die Heinzelmännchen in dem Lied. Der offene, helle Raum, der besondere Anlass, das wirkt, man spürt das. Was natürlich nicht heißt, dass die Kinder in den kurzen Pausen keine Kinder mehr sind. „Konstantina, komm von deinen Freundinnen weg, ihr macht eh nur Quatsch!“ – „Och, nööö. Letzte Chance?“

Aber dann, direkt bevor der nächste Durchgang losgeht, die Arme der Dirigentin in der Luft, ist es so still, dass nicht mal der Fotograf, der um das Gehäuse seiner Kamera extra einen gepolsterten Schalldämpfer gelegt hat, seinen Finger zu krümmen wagt.

„Das lief super an dem Tag“, sagt Judith Kamphues. „Viel besser, als ich befürchtet hatte. Dass die Kinder sich so gut verstanden haben, toll.“ In den Pausen flitzen sie über den Teppichboden, die weiten Gänge rauf und runter, die Winterstiefel haben noch Klettverschlüsse in diesem Alter, das Leben ist gut, singen, toben und mittags gibt’s Nudeln mit Tomatensoße, „jetzt geht’s zur Raubtierfütterung“, sagt ein Mädchen. „Einmal noch mal Kind sein“, sagt einer der Ehrenamtlichen, „diese Energie, Wahnsinn, und gar keine Regeln, die einem den Atem nehmen.“

Und nach dem Essen liegen dann alle auf dem Boden, sie hören sich noch mal das ganze Stück an, aber nur gesprochen, sie sollen sich ausruhen, aktiv entspannen, wenn man so will, und tatsächlich wird es nach ein, zwei Minuten wieder ganz still, die Kinder liegen lang da, die meisten auf dem Rücken, die Augen schräg nach oben, wo eigentlich ein grauer Himmel ist, und deswegen sieht auch keiner das Männlein mit seinem Zottelbart, das draußen vor der Fensterfront auftaucht, eine Fotokamera um den Hals, ein Mützchen auf dem Kopf, neugierig schaut es herein, was da wohl los ist, ein drolliger Kulturtourist auf Durchreise, und dann trollt er sich schon wieder, die riesige Kamera lustig vor dem grauen Parka baumelnd. Mach’s gut, Heinzelmännchen!

Und dann ist es halb drei, und sie stehen alle da, ordentlich in drei Reihen, dunkle Hosen und Röcke, die T-Shirts sind gelb, rot oder blau, nur Marwan hat ein weißes T-Shirt an und um den Hals natürlich das schwarze Tuch, er steht in der letzten Reihe, fast ganz rechts. Es ist mucksmäuschenstill, eng stehen die Erwachsenen beisammen, nur ein paar Meter entfernt, die Eltern, die Geschwister, die anderen Chorleiter und Stimmbildner und Ehrenamtlichen, es sind ja auch ihre Kinder, die da stehen, und alle sind gespannt.

Und wie sie dann singen – miteinander und ein bisschen auch durcheinander, ein bisschen laut ein paar, ein bisschen leiser dafür ein paar andere – da fällt einem auf, dass hier, auf diesen drei Stufen kein normaler Chor singt, nein, eigentlich singt hier Berlin, und damit ist nicht die Stadt gemeint, viel mehr Berlin steht vielleicht auf diesen drei Stufen als je auf der Bühne des großen Saals an einem Konzertabend. Hier, ja, genau hier, im Foyer des Kammermusiksaals, stehen sie, die Kinder der Stadt, die Zukunft, und singen, so laut und so gut sie können. Hellersdorf singt und Schöneberg und Moabit, Annika und Antonia, Marwan und Mariam, Melissa, Helene und Josefine, Lion, Lilli und Wilhelm und all die anderen, sie sind ganz bunt vor all dem Himmelsgrau und sie singen ein bisschen schräg und wild und wunderbar.

Und die Erwachsenen klatschen sehr laut.

In der Woche nach dem großen Auftritt ist es warm geworden, der Frühling blinzelt einem schon zu. Ein neuer Dienstag, eine neue Probe im Stadtschloss in Moabit. „Ich bin so froh“, sagt Judith Kamphues, „und so stolz auf die Kinder.“ Jetzt sei endlich ein bisschen mehr Zeit. „Jetzt sind die Kinder dran.“ Alle sind noch ein bisschen aufgeregt. Aber es geht weiter.

Aufwärmen. „Alle, die was Grünes anhaben, gehen zusammen in eine Gruppe“, ruft Judith Kamphues in den Kinderlärm. „Was ist denn grün?“, fragt ein Mädchen.

Dead Döner (5 Minuten Stadt)

Ein Dienstag, nicht zu spät. Der Nettelbeckplatz liegt im allerletzten Sonnenlicht. Auf den Parkbänken bereits die ersten Biertrinker.

Im Dönerladen an der Ecke versorgen drei Mann den Wedding mit dem Abendbrot. Am Spieß genügend Fleisch noch für ein paar Stunden. Im Schaufenster dreht sich traurig ein halbes Dutzend Hühnchen. Bestlaune dagegen bei der Besatzung, drei fröhliche Gesichter, glänzend von Arbeit und Bratfett. Schnelle, tausendfach geübte Handgriffe, die immer gleichen Fragen, neu variiert, Lahmacun nur mit Salat, ja, und die Pommes mit was.

Dazwischen der schnelle Background-Check beim Kunden an der Theke: Arab? Iraner? Farsi? Der zweite Gast, ein Afrikaner, hat sich gerade auf Englisch eine Dönerbox bestellt.

Hot sauce?

Can I eat it?

Yes, yes, no problem!

Okay.

Four-ninety.

Da bricht über das harmonische Gelärme der Kriegszustand herein.

Bamm-bamm-bamm, drei schnelle Schuss in Folge, direkt vor der Glastür, dann kurze Pause, bamm-bamm, noch zwei hinterher.

Alles zuckt zusammen.

Der Afrikaner ist aufgesprungen, schaut aus ängstlichen Augen nach draußen, den Kopf tief zwischen den Schultern, die nächste Salve erwartend, die jeden Moment durch die Scheiben fetzen kann, dies alles hier zu beenden.

What is this?, ruft er.

Dead, sagt der Dönerverkäufer nur und zuckt die Achseln.

Dead?! Es ist fast ein Kreischen.

Real gun?, fragt der Afrikaner dann, mit bebender Stimme, konsterniert, dass die drei Mann hinterm Tresen schon wieder ganz normal weiterarbeiten, Dauergrinsen, einmal zum Mitnehmen, Salat alles, ja.

Real gun?, fragt der Afrikaner noch mal, er steht immer noch halb geduckt mitten im Raum.

No, my friend, lacht der Dönermann, no, no. Gas! Gas!

Und dann zeigt er, bevor der kostbare Moment der Zweitönigkeit verfliegt, auf die braunen Hähnchen, die sich ungerührt weiterdrehen, langsam und braun.

Dead, sagt der Dönermann, haha, dead.

(Der Tagesspiegel, Mehr Berlin: 5 Minuten Stadt)

»Reporter? Da sind Sie der neunte!«

Der Wedding, dieser geheimnisvolle Stadtteil, steckt voller großartiger Geschichten. Nicht immer aber haben die Weddinger Lust, sie zu erzählen. Eine kleine Lektion Demut im Musikhaus an der Müllerstraße.

Zum ersten Mal las ich von ihr im Spätsommer vergangenen Jahres. „Wegen Flöten“, stand über dem Artikel, „84-jährige Musikladen-Besitzerin niedergestochen“. Eine Polizeimeldung direkt aus dem Wedding, aus der Müllerstraße, wo die alte Dame, so stand es zu lesen, seit 65 Jahren ihre Musikalienhandlung führe. Der Täter war geflohen, mit einer Flöte und einer Ziehharmonika, die Geschäftsinhaberin fand eine Kundin später hinter dem Verkaufstresen, aus mehreren Schnitten blutend.

Ein paar Monate später kam die Rede erneut auf den Musikladen, die Besitzerin, so erzählte mir einer, der den Wedding sehr gut kennt, sitze im Winter im Kalten in ihrem Laden, weil sie sich die Heizkosten nicht mehr leisten könne.

Aber sie sei immer noch da. Das ist der Wedding, sagte er, genau das. Da muss man doch mal hin. Da muss man doch mal was drüber machen.

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Kein Tor an der Plumpe!

Am Gesundbrunnen wurde Hertha BSC gegründet, aber der Fußball ist lange schon woanders hingegangen. Ein Hertha-Spiel in der alten Fankneipe, die sich kein Sky mehr leisten kann.

Es ist kurz nach halb sieben, als ein Typ in den Bierbrunnen kommt, den blau-weißen Schal nur halb unter dem Jackenkragen. Ein kurzer Blick ins Kneipeninnere, der Tresen ist rund wie ein Fußball, die Wand voller Wimpel und alter Mannschaftsfotos. Auf dem Fernseher läuft Videotext.

“Fußball wird hier nicht gezeigt?”, fragt er. “Nee”, antwortet einer am Tresen. Kurze Pause. “Wissen Sie, wo hier in der Nähe gezeigt wird?” – “Im Offside.” Vage Bewegung ins Irgendwo. „Ist da hinten.”

Es ist kurz nach halb sieben an einem Sonntag im “Bierbrunnen an der Plumpe”, Behmstraße, Ecke Badstraße. Im Olympiastadion ist gerade die zweite Halbzeit zwischen Hertha BSC und dem VfL Wolfsburg angepfiffen worden, Fußball-Bundesliga, 21. Spieltag, aber hier, im offiziellen Hertha-Fantreff, zwölf Kilometer östlich des Stadions, kriegt davon keiner was mit.

Das heißt, nicht ganz: Es läuft ja, wie gesagt, der Videotext, schwarze Maske vor stummem Röhrenbild.

Grau ist er der Fernseher und kastenartig und ziemlich klein, winzig eigentlich für heutige Verhältnisse. Darunter hängt ein Schild, darauf steht: “Wer die Wirtin kränkt, wird aufgehängt.” Neben dem Schild baumelt traurig ein Stoffpüppchen, mit Strick um den Hals, auf dem Kopf eine Schiebermütze, von der Art, wie sie sie früher trugen.

Ganz früher also, als Hertha noch Meisterschaften gewann und nicht in der großen und schicken und kalten Arena in Charlottenburg spielte, sondern hier, einmal die Behm runter, an der nächsten Ecke, an der Plumpe, so sagten die Leute, die Schulter an Schulter standen auf den engen Tribünen, ohne Dach und direkt am Rasen, und wenn es regnete, zogen sie die Hüte tiefer ins Gesicht und schlugen die Kragen ihrer Mäntel hoch.

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Eine richtige Postbotin

Du willst die Post austragen, haben sie gefragt und gelacht, du, ein Mädchen, ein türkisches Mädchen? Na klar, hat sie gesagt, unsere Ministerin ist doch auch eine Frau, was ist schon dabei. Nazan Özbek lacht: Tansu Çiller, kennen Sie die noch?

1993 war das, die Türkei hatte eine Frau als Ministerpräsidentin, und der Wedding hatte eine türkische Postbotin. 1993, Nazan Özbek weiß das noch genau. Zahlen sind kein Problem. Auf die Briefe fürs Seniorenheim hat sie eben noch schnell die Nummern der Wohnungen gekritzelt, in dünner Bleistiftschrift, das spart ein paar Sekunden.

Ursprünglich, sagt Nazan Özbek, wollte sie Polizistin werden, aber das ging nicht, Schuld war ihr Pass, der damals noch türkisch war. So ging sie zur Post. Ihr Zustellbezirk hat die Nummer 10: Gerichtstraße, Ruheplatzstraße, Antonstraße, zurück auf die Ruheplatzstraße und dann rauf auf die ewig lange Schulstraße, das ist ihre Route. Immer vor sich herschiebend den Security-Zustellwagen, so nennt die Post das. Er sieht aus wie ein großer gelber Rasenmäher, darin sind Platz für drei Plastikkästen voller Briefe, zwei kleine Kästen sind das und ein großer, für die A4-Sachen.

Security, ein Name wie von einer Versicherungsfirma, wie ein todsicheres Versprechen, aber das Versprechen ist nur ein winziges Schloss an der Vorderseite. Vor ein paar Wochen, Nazan Özbek stopfte gerade wieder in einem Hinterhof Kuverts in die Schlitze, da haben sie ihr vorne die Klappe des Wagens aufgerissen und einen der Schlüsselbunde geklaut. Nur die Schlüssel, sagt sie, keine Ahnung, was die damit wollen.

Sie hat dann an die Hausverwaltungen geschrieben, aber bisher ist nichts passiert. Weswegen sie jetzt, in der Antonstraße, mal wieder darauf warten muss, dass ihr jemand aufmacht. Das sind die Minuten, die ihr nachher fehlen werden, Minuten, die für Esra gedacht waren, ihre Tochter. E, S, R, A, die Mutter buchstabiert es sorgsam, sie ist für mich alles. Wie mein Auge.

Zwölf ist Esra im Mai geworden, aber sie geht schon in die siebte Klasse. Manchmal hilft Nazan Özbek ihr abends bei den Hausaufgaben, aber oft ist die Mutter auch einfach nur müde, total kaputt nach fast elf Stunden im Dienst. Vor halb sechs komme ich selten raus, sagt sie. Mehr als zehn Minuten dauert die Mittagspause eigentlich nie.

Heute hat sie um sieben Uhr früh damit begonnen hat, ihren Arbeitstag aus den gelben Boxen zu nehmen und in die Fächer mit den Hausnummern zu stecken. Rot, blau, gelb, jede Straße hat eine andere Farbe, nur die Schulstraße ist weiß, das ist schön, sagt Nazan Özbek, weiß, das ist meine Lieblingsfarbe. Zweieinhalb Stunden steckt sie Briefe, Magazine, Werbeprospekte in die engen Fächer, jeden Morgen, bevor es hinausgeht auf die Straße.

Vor dem Zustellstützpunkt Gerichtstraße, einem fünfstöckigen Backsteinbau, ist es da noch ruhig, der Wedding döst noch ein bisschen, aber drinnen ist längst alles wach, alles laut. Kisten stapeln sich zwischen zwei Meter hohen Trennwänden, die Gänge sind eng, ständig steht man im Weg, dürft ich mal, danke. Nazan Özbek steht in ihrem winzigen Bereich, eine kleine Frau mit dunklem Pferdeschwanz, sie trägt ein weites, postgelbes Hemd und eine dunkelblaue Hose mit großen Seitentaschen für die Einschreiben, Einschreiben werden immer am Körper getragen, alte Postregel. Aber vorher noch einscannen, einmal um die Ecke, schräg über den drei Scannern hängt ein Poster, darauf ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu sehen und auch die türkische. Başarılar dileriz, steht dazwischen, das bedeutet: Wir wünschen euch viel Glück. Sieben türkischstämmige Kollegen hat sie hier, alles Männer. Ein paar Frauen gibt es auch, aber alle im Innendienst. Ich gehe raus, sagt Nazan Özbek, ich bin eine richtige Postbotin!

Sie hat sich auch mal für den Innendienst beworben, hatte extra einen EDV-Kurs gemacht, 1997 war das, ein Jahr lang, immer sonntags, Abschluss mit sehr gut, aber dann sagte der Chef, dass er doch niemanden brauche für drinnen.

Ihre Turnschuhe kauft sie immer eine Größe größer als normal, die Füße, sie werden dick mit der Zeit. Schwarz sind die Schuhe, nur das Nike-Zeichen auf den Fersen, das ist gelb wie die Post.

Um 9:24 Uhr lässt Nazan Özbek den Zustellwagen in den Lastenaufzug rumpeln. Oben auf dem Briefstapel eine H&M-Tüte mit einer silbernen Thermoskanne, in der nur Wasser ist, und ein Päckchen Tempos. Sie war krank gewesen, ein paar Tage, und als sie zurückkam, waren die meisten der roten Gummibänder weg, mit denen sie die Briefe zusammenschnürt, und auch die Aufkleber mit den Hausnummern hatte jemand von den Schlüsseln gerissen. Ich arbeite ganz schön sauber, sagt Nazan Özbek.

Um 9:53 Uhr hat sie die Laufhäuser an der Gerichtstraße schon hinter sich und parkt den gelben Wagen vor der Ruheplatzstraße 24. Laufhaus, so nennen sie bei der Post einen Aufgang, bei dem die Schlitze noch in den Wohnungstüren sind und nicht unten im Erdgeschoss. Dann müssen die Zusteller all die Treppen hoch, in den muffigen Altbauten. Allzu viele Laufhäuser liegen nicht auf Nazan Özbeks Route. Dafür ist sie länger als andere Strecken.

Rund 145 Aufgänge liegen vor dem Feierabend, jeden Tag, 1.719 Haushalte, Nazan Özbek hat extra noch mal nachgezählt, darunter drei Heime, an manchen Tagen sind das 7.000 Zustellungen. Und wenn die Leute in ihrem Bereich zu wenig Post bekommen, dann kriegt sie am Ende des Jahres ein paar Hausnummern dazu, acht waren es beim letzten Mal. Wieder ein paar Meter mehr für die Füße in ihren winzigen Nike-Schühchen. Schnell laufen sie zwischen den Stopps, man kann kaum Schritt halten.

Ich bin alleinerziehende Mutter, sagt Nazan Özbek, das ist die Antwort.

Mit zwölf ist Nazan Özbek nach Berlin gekommen, vor 30 Jahren also, aus Izmir, kennen Sie Izmir, fragt sie, es ist wunderschön dort. Aus der Türkei kam auch ihr Mann. Drei Wochen hatten sie, um sich kennenzulernen, ein Jahr nach der Hochzeit zog er zu ihr nach Deutschland. Die Geschichte von Nazan Özbeks Ehe ist kurz, sie erzählt sie zwischen drei Aufgängen, aber sie will nicht, dass sie in der Zeitung steht. Wegen Esra. Wie eine Blume, sagt die Mutter, so erziehen wir Esra. Kinderärztin will sie werden, die Tochter der Postbotin. Studier mal, hat ihre Mutter ihr gesagt, dann hat wenigstens eine von uns beiden studiert.

Ihre Eltern, Esras Großeltern, die haben früher bei Siemens gearbeitet, beide, ihr Vater als Dreher, die Mutter am Band, mit einem Lötkolben in der Hand und einer großen Lupe vor dem Auge, so winzig waren die Teile. Meine Mutter hat mir später sehr geholfen, sagt Nazan Özbek, ich musste ja immer arbeiten.

Im Hof der Volkshochschule stehen sie und rauchen, Deutschkurse ab 9 Uhr. Nazan Özbek hat nie einen Kurs gemacht, sie hat die Sprache in der Schule gelernt, wie alle Türken damals, quasi nebenbei. So wie sie sich das Kochen beigebracht hat, einfach zugeschaut hat sie der Mutter. Ich habe immer alles alleine gemacht, sagt Nazan Özbek, meine Eltern konnten doch so wenig Deutsch und hatten so viel zu tun.

Auf der anderen Seite der Kreuzung, vor dem italienischen Restaurant, grüßt sie im Vorbeigehen schnell noch einen Mann im Galatasaray-Trainingsanzug, auf Türkisch, ein kurzes Lächeln. Danke, die Po-hoost, ruft Nazan Özbek ansonsten in die steilen Aufgänge, wenn jemand endlich den Summer gedrückt hat. Und dann schnell weiter. Manchmal gibt’s nette Kunden, sagt sie, die drücken, wenn sie mich sehen.

Sie macht immer die gleiche Strecke. Das hilft. Wenn du anfängst, als Springer, dann kennst du die Routen nicht, du bist der Lückenbüßer, wenn ein Zusteller krank ist oder frei hat, sie setzen dich ein, wo du gerade gebraucht wirst. Insgesamt sieben Jahre war sie Springer, von 1992 bis 1997 und dann noch mal nach Esras Geburt, von 2003 bis 2006. Da ging sozusagen alles nochmal von vorne los.

Um 10:58 Uhr hat Nazan Özbek die Post fürs Bezirksamt zugestellt, dessen Eingang unter dem riesigen Baugerüst und den Staubplanen kaum zu erkennen ist, und biegt links in die Schulstraße ein. Ich kenne den ganzen Wedding, sagt sie, besser als Reinickendorf, wo ich wohne, Sprengelkiez, Brunnenviertel, Osloer, ich war hier schon überall unterwegs. Nicht überall war es so ruhig wie hier. An der Sprengelstraße damals, die Messer, die Jugendlichen, die haben sich gestritten, da hatte ich immer Angst, sagt Nazan Özbek, aber passiert ist nie was, zum Glück.

Und einmal stand vor einem Haus schon die Feuerwehr, aus dem ersten Stock kam dunkler Rauch, aber die Post, die haben die Leute an dem Tag trotzdem bekommen.

Ich bin Fisch, sagt Nazan Özbek, mit einem Bein schon im nächsten gefliesten Hauseingang, Fisch wie Albert Einstein. Fisch ist das einzige Sternzeichen, bei dem Männer und Frauen gleich sind. Geburtstag, sagt sie, habe ich am gleichen Tag wie mein Vater, Superzufall, oder? Zuverlässig, treu, großzügig, sagt Nazan Özbek, so sind die Fische. Sie wirft den letzten Brief in den Kasten. Auch sensibel, sagt sie leise.

Dann rollt der gelbe Rasenmäher schon wieder übers Pflaster, immer die lange, laute Schulstraße hinunter. Wenn man jeden Tag draußen arbeitet, sagt Nazan Özbek, wird man auch fröhlich. Merken Sie, ich lache immer!

(erschienen im September 2013 auf Tagesspiegel.de)

Wilder, weiter, Wedding

Auf der Suche nach einem Stadtteil. (Der Tagesspiegel, Sept. 2013)

I. GRAU IST DIE STADT

Mit der Hässlichkeit geht es schon mal los. Dieser Beton. Dieser Asphalt. Die Müllerstraße: der Schering-Klotz. Das Bürgeramt. Karstadt! Das Finanzamt an der Osloer. Reinickendorfer, Badstraße, ganz egal, alles wenig besser. Graue Nachkriegstürme wachsen aus dem Alltag, an allen Ecken und Enden. Traumhafte Tristesse. Bald vielleicht als Fotostrecke auf Tagesspiegel.de: „Die hässlichsten Gebäude des Weddings“. Absoluter Klickgarant, Leserliebling, bestimmt.

Und dann biegt man um die Ecke, und dann wird es plötzlich Licht. Bitte was? Ein antiker Tempel, der da dem räudigen U-Bahnhof Pankstraße trotzt. Strahlende Schinkelkirche St. Paul. Vier Säulen für ein Halleluja. Heller Stein, hohe Türen. Schlichtheit. Schönheit. Aha? Ist das jetzt hier die Toskana? Man möchte ihn dann gleich noch mal einbestellen, den alten Christo, damit er das wunderschöne Giebelhaus verhüllt und den kantigen Turm gleich mit, ein bisschen Schutz vor all dem Smog, den die Kiez-Checker in ihren dicken dunklen Audis in die Luft ballern, wenn sie aus der zweiten Reihe vor den Gemüseläden ihre Kickstarts hinlegen. Unter vier Auspuffen geht ja eh schon mal gar nichts hier, eisernes Prollgesetz, Paragraf eins. Oder so.

Willkommen im Wedding! Nicht „in Wedding“, wie es sonst in dieser Zeitung so sachlich heißt. Nein, dieser Wedding ist ein „der“, ein Typ, und was für einer! Eure Abziehbildchen könnt ihr wegschmeißen, am Grenzübergang Bernauer oder wo immer ihr rüberkommt. Hinter jedem Klischee steht ein Weddinger, der ihm in den Arsch tritt.

Merken: Wer hierherkommt, braucht einen Grund. Die meisten aber schießen schnell quer durch, die verlängerte Stadtautobahn namens Seestraße, die schlangenartige B96 hoch oder runter, unterm Bayer-Kreuz hindurch zum Hauptbahnhof oder weiter in den schönen Westen. Fies und grau ist es links und rechts der Autofenster der Durchreisenden, die überall hinwollen, nur nicht hierher. Nicht leicht dagegenzuarbeiten, wenn man als jahrelanger Draufgucker beginnt einzudringen in dieses staubtrockene Biotop.

Wächst hier was?

 

II. STOLZ UND VORURTEIL

Wedding und Gesundbrunnen: 81 Jahre lang eigenständiger Bezirk, heute nur noch zweifacher Ortsteil. Gehört jetzt alles zum schicken Mitte, was natürlich an sich schon ein Spitzengag ist. Denn Schrumpfen, nicht Wachstum, ist hier großes Leitmotiv, vor 100 Jahren waren sie noch 350.000, die Weddinger, heute kriegen sie gerade noch 160.000 zusammen. Einst boten sie dem deutschen Fußballmeister Heimat, heute können sie sich, wenn sie wollen, noch viertklassiges Eishockey anschauen, beim Schlittschuh-Club Berlin, in einem Betonsarg von einer Halle, kalt wie das weiße Oval in der Mitte und mit ähnlich viel Kratzern, und manchmal kommen 100 Leute.

Und die Müllerstraße, der einstige Ku’damm des Nordens? Hier fahren die Rolltreppen der schicken Kaufhäuser von einst mittlerweile direkt ins Spielcasino. Arbeiterbezirk, Arbeitslosenbezirk, Armenbezirk? Ansichtssache. Die Zahl der Menschen mit festem Job (knapp 43 000 Ende 2012) ist fast dreimal so hoch wie die der Arbeitslosen (gut 15 000 im Juni 2013), teilt das Landesamt für Statistik mit. Ein Arbeitsloser pro tausend Quadratmeter Wedding. Ist das viel?

Verwirrende Infos wie diese nimmt man mit auf die Straßen, hinein in den Wild Wild Wedding. Mit der Videokamera sind wir zunächst unterwegs, kleines Filmchen machen zum Reinkommen. Unterwegs, um dumme Fragen stellen: Warum Wedding? Was ist der Wedding? Und dann erzählen einem die Leute, dass sie wahnsinnig froh sind, dass es überhaupt noch Sachen wie das Gesundbrunnen-Center gibt. Wenn’s dit nicht gäbe, wär’ hier jar nüscht. So reden sie, immer noch.

Man erwartet, dass die Deutschen über die sogenannten Ausländer schimpfen, und das tun sie dann auch ein bisschen. Man erwartet, dass die sogenannten Ausländer über die Deutschen schimpfen. Tun sie nicht. Stattdessen schimpfen sie über die lasche Polizei, den Dreck und die Kriminalität.

Vor dem Bürgeramt an der Osloer klagt ein bärtiger Mann darüber, wie die Behörden ihn verarschen und wie das überhaupt hier aussieht, wie ein Gefängnis, wie Nicaragua, jedenfalls aber nicht wie Deutschland.

Am Bio-Markt auf dem Leopoldplatz schwärmt eine reizende Französin vom „Mülti-Külti“. Und dann sind da noch die beiden Jungs mit ihren Basecaps, Müller-, Ecke Triftstraße, die halb cool, halb drohend an uns vorbeiwippen und – ohne stehen zu bleiben oder auch nur einen Tick langsamer zu werden – unseren Interviewversuch gleich mit der einfachsten, weil frechsten Gegenfrage kontern: „Video? Gibt’s da Geld für?“

Ja, Jungs, ihr habt es bitter nötig, das Geld, das es nicht geben wird. Aber wer nicht in dieser Stadt? Erst im August haben sie, hier an der Müllerstraße, auf eine 84-jährige Musikladen-Besitzerin eingestochen – für ein paar Flöten aus der Auslage.

Also, was jetzt? Kein Geld? Dann verpisst euch.

Der Inhalt des eigenen Portemonnaies, seit jeher der kleinste gemeinsame Nenner der Weddinger. Bettelarm nicht wenige, auch das so erfolgreiche Prime Time Theater, wo sie die herrlich durchgeknallte Bühnen-Soap „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ aufführen, seit 2004, gerade läuft Folge 86 („Döner-Donut-Dauerdienst“), und nirgendwo sonst nehmen sich Kartoffeln und Kanaken so auf die Schippe – Humor als effektivste Integrationsarbeit. Fördermittel aber gibt es keine mehr. Noch ein Grund, auf die „Prenzlwichser“ und das neureiche Gesocks von nebenan zu schimpfen. Stolz und Vorurteil, hier wie da.

Deutschlands berühmtestes Arbeitsamt steht übrigens auch im Wedding, Müllerstraße 16, Stammgast in der ARD-Tagesschau. Lange das Standardbild beim Thema Arbeitsmarkt, hinter Jan Hofer, Dagmar Berghoff und Co., wirklich wahr. Millionen Westdeutsche sahen es Monat für Monat: das eckige rote A auf rundem weißem Grund, die Treppe, die grauen Kacheln, den roten Türrahmen. Das Arbeitsamt, es ist natürlich längst ein Jobcenter, und letztes Jahr, an Hitlers Geburtstag, haben sie es mit Farbbeuteln und Steinen beworfen, um viertel vor zwei nachts.

Überhaupt: Von 20 Nachrichten, die zum Wedding über den Ticker laufen, findet man mitunter nur eine, die nichts mit Kriminalität zu tun hat. Es ist dann aber nicht klar, ob das mehr über den Wedding sagt oder mehr über das Bild, das die Medien von ihm zeichnen.

In dieser einen Meldung geht es übrigens um den Mauerpark, der längst schon zur Ikone des chronisch hippen Nachbarn Prenzlauer Berg geworden ist. Und der sich nun, 24 Jahre nach der Wende, endlich, endlich zum Wedding hin geöffnet hat. 24 Jahre. Allein das erzählt viel von den Grenzen, die noch durch diese Stadt verlaufen.

Im Norden des Mauerparks, auch das ist ein Teil von Gesundbrunnen, man mag es kaum glauben, wollen sie bald teure Wohnungen bauen, jetzt ist da noch ein Schrottplatz. Nur mit dem Protest sind sie westlich des Tunnels wieder ein bisschen spät dran gewesen; drüben, in Prenzlauer Berg, haben sie viel früher gegen die Bebauung und die Zuwegung mobilisiert. Man kommt sich ohnehin nur sehr langsam näher, in kleinen Grüppchen zunächst, wie bei den Radtouren von „Nächste Ausfahrt Wedding“, gestartet vor einigen Jahren von zwei neugierigen Prenzlauerbergern.

Aber langsam, langsam kommen sie rüber. Noch sind die Inseln, die die Kreativen im Wedding kultivieren, nur lose verbunden. Eine liegt sorgsam versteckt hinter einem Studentenwohnheim, unter mächtigen Eichen. „Hausbrauerei Eschenbräu“, steht auf der kleinen Leuchttafel, in Comic Sans, der Standardschrift für Gemeindeblättchen. Klar, man kommt nicht für die Verpackung her, sondern für den Inhalt. Fürs Bier. Und das, was ein gewisser Martin Eschenbrenner 2001 als studentischen Zeitvertreib begann und was heute ein 14-Personen-Unternehmen ist, schmeckt wie die Weddinger selbst: ungefiltert und eigen und bisweilen großartig.

Es tut sich wieder was im einstigen Brauereistadtteil Wedding, acht Stück waren hier mal angesiedelt, zur großen Zeit um 1900, von ihnen ist ansonsten übrig eine bröckelnde Brandwand an der Prinzenallee: Was trinken wir? Schultheiss Bier.

Aber legendär gesoffen wird natürlich nach wie vor, hinter vergilbten Gardinen und toten Pflanzen. Typen wie Bukowski, Lowry, Tom Waits hätte es hier gefallen, den großen Pichlern und Denkern, Bukowski allen voran. Hier würde er sitzen, im „Magendoktor“, im „Klammeraffen“, in der „Trümmerlotte“ oder einer der tausend anderen Kaschemmen, am äußersten Rand des Tresens, würde den billigsten Fusel saufen wie Wasser und irgendwann vom Schemel taumeln in die Nacht und sich an der nächstbesten Ecke mit dem nächstbesten Schläger anlegen – geprügelt vom Leben und ihm jede Nacht aufs Neue die Stirn bietend. Wenn es einen deutschen Bukowski gibt, in diesem Berlin des Jahres 2013, dann sitzt er jetzt irgendwo im Wedding und trinkt still vor sich hin. Wir werden erst in 30 Jahren von ihm lesen.

Die guten Trinkerstuben gab es schon immer, als der Himmel noch erleuchtet war von den Schloten der Eisengießereien, als die AEG hier produzierte und die BMAG, als Osram und Rotaprint Tausenden Arbeit gaben, harte Arbeit – und die macht immer am durstigsten.

 

III. EIN STADTTEIL ALS LABOR

Und heute? Taugt der Wedding oder das, was von ihm übrig ist, als Objektiv auf das große, unverständliche Ding Berlin? Für das, was hier schiefgelaufen ist und noch schiefläuft?

Zumindest kann man hier noch heute gut sehen, was aus Vierteln werden kann, wenn man sie in Versuchslabore umwandelt. Verkündet durch Bürgermeister Willy Brandt im März 1963, ab den 70ern dann durchgeführt: die Kahlschlagsanierung. Wie hässlich schon das Wort klingt. Ihr fielen unzählige Altbauten zum Opfer, das Brunnenviertel haben sie damals gleich ganz plattgemacht. Hier, im von der Mauer eingebauten „Tiefen Wedding“, dem allerletzten Zipfel West-Berlins, entstand, in Sichtweite der DDR, ein gigantischer Wohnquader neben dem anderen. Und kaum einer sagte was, auch damals schon, während in Kreuzberg die rührigen Bewohner Vergleichbares zu verhindern wussten.

Wer allerdings die alten Mietskasernen verherrlichen will, sollte sich erst anschauen, wie die Arbeiterfamilien so gehaust haben in diesen Löchern, im Mitte-Museum an der Pankstraße kann man das sehr gut tun, nur ein paar Meter vom Schinkeltempel und den Konterfeis der drei Brüder Boateng, gewachsen auf Beton, sponsored by Nike.

Nein, es waren auch früher schon keine schönen Zeiten, wenn du Arbeiter warst im Wedding, an den ersten Maitagen 1929 haben sie gleich Dutzende von ihnen abgemetzelt. „Roter Wedding“, das war fortan blutige Doppeldeutigkeit, von Erich Weinert in ein kommunistisches Kampflied gemünzt, von Ernst Busch später adaptiert. In dessen Version das bis heute nachhallende Versprechen: „Der Wedding kommt wieder!“

Der Rote Wedding, er marschiert nun schon länger nicht mehr, und doch gibt es plötzlich ein paar, die die alte Ansage einzulösen scheinen.

Behutsam treten sie auf, die Weddingworker, sie kennen sich alle untereinander, aber sie wollen nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen. Die Verschönerung wird nach den Erfahrungen anderswo in der Stadt immer öfter als schöner Vorbote gnadenloser Aufwertung gefürchtet, also tastet sie sich auf leisen Sohlen vor. Als dunkles Ungetüm am Horizont: die Gentrifizierung, das böse Wort, das keiner freiwillig in den Mund nehmen will. Ein zweites Kreuzkölln, ein zweites Prenzlberg gar, das wollen sie hier auf gar keinen Fall heranzüchten.

Und doch gibt es da schon diese Inseln im Meer, das Wedding heißt: Eine liegt auf dem Dach eines riesigen Kaufhauses und heißt Himmelbeet, eine andere gleich ganz im alten Fleischtheken-Ambiente: der Supermarkt an der Brunnenstraße. Büroplätze für Selbstständige, ein Café und Begegnungsraum für Kreative. Selbst die Telekom hat hier, mitten im schmuddeligen Brunnenviertel, schon Platz für Seminare gebucht. Über fast eine ganze Ladenzeile erstreckt er sich schon, doch jetzt soll erst einmal Schluss sein mit der Ausbreitung, sagen die Betreiber. Keine falschen Zeichen setzen, an die Bewohner, die Umgebung. Sollen erst mal auch andere kommen können.

Ausgeschenkt wird das trübe, kalte Bier des Martin Eschenbrenner übrigens auch hier, nur ein paar Meter weiter, im „Volta“, einem kleinen, feinen Konzeptrestaurant mitten in der rotbraunen Kachelhölle Brunnenstraße. Gastropub nennen sie das. Dort sitzt man sommers auf einem Holzpodest, auch so eine kleine Insel der Glückseligen, und daran vorbei laufen die Alteingesessenen mit ihren Lidl-Tüten und schauen mittlerweile nur noch ein bisschen verdutzt. Und ein paar Straßen weiter flattert ein handgemaltes Banner vom Balkon: „Gegen Luxuswohnungen, für Grünflächen“, und daneben das Ganze noch mal auf Türkisch.

Im Stattbad Wedding schließlich, vielleicht der angesagtesten Location dieses Nouvelle Wedding, betonen sie, dass sie sich vor allem als Kunst- und Kreativhaus sehen statt als Party-Location mit elektromagnetischer Anziehung für die ganze Stadt. Damit lässt sich zwar das meiste Geld einspielen, das aber wiederum stecken sie am liebsten in die Kunst, gerade war eine Skateboard-Ausstellung zu Gast. So läuft das hier. Es will keiner sein, was er nicht ist. Das Gegenteil also von dem, was südlich der Bernauer Straße, im überdrehten Mitte, den Lifestyle definiert. Willkommen bei den Anti-Hipstern vom Wedding. Und ein paar Meter die Gerichtstraße runter hocken die Hells Angels vor ihrem Laden.

Breitbeinig kann im Übrigen auch der Wedding sein. Hier gilt bisweilen nicht Rechts vor Links, sondern: Maul vor Stumm. Blök vor Glotz. Schrei vor Flenn. Faust vor Fleh.

 

IV. POLITIK UND IDYLLE

Also: Tut sich was?

Jetzt hat sogar Steinbrück hier eine Wohnung bezogen, mitten in der Sprengelstraße. Bei Edeka ist er gesichtet worden, in weißem Hemd und offenem Sakko, willkommen, Möchtegernkanzler, ruft die Gemeinde, wir fühlen uns gleich viel sicherer. Ha, ha.

Dabei geht hier, wo vor dem Krieg die Kommunisten stets große Mehrheiten einfuhren, eh kaum noch einer wählen, am schlimmsten steht es um die Wahlbeteiligung in den Gegenden mit den meisten Migranten, am Nettelbeckplatz, im östlichen Brunnenviertel, rings um die Soldiner Straße, hier geht nicht mal mehr jeder Zweite zur Urne, manchmal nur jeder Dritte. Es ist wohl das konsequente Desinteresse derer, für die sich ihr Leben anfühlt, als habe sich noch nie ein Politiker dafür interessiert, seit sie hier sind.

Und doch, gerade hier, gibt es die Orte, an denen man glauben mag, dass zwischen Multi und Kulti tatsächlich ein Bindestrich ist. Das Carik Kuruyemis & Café ist so einer. Von außen sieht es aus wie ein einfacher türkischer Delikatessenladen, doch wenn du dich an den Körben und Auslagen mit all den Pinienkernen, Nüssen und süßen Baklava vorbeizwängst, in den Hinterraum, dann bist du plötzlich mittendrin. Das hier ist der Ort, wo ein junges Mädchen hereinkommt und strahlend zu ihren Freundinnen sagt: „Das ist voll wie in der Türkei hier.“ Hier ist auch der Ort, an dem ältere deutsche Pärchen sitzen, in Lederjacke und Rüschenbluse, als müssten sie gleich noch zum Preisskat, und aus ihrem dampfenden Kumpir löffeln und braun gegrillte Köfte kauen.

Und ja, es gibt ihn, den idyllischen Wedding, man kann ihn mit dem Fahrrad befahren, immer die Panke entlang, an altem Backstein vorbei bis hinauf zum seltsam entrückten Bahnhof Wollankstraße und weiter in den Pankower Bürgerpark. Es gibt ihn, den Rosengarten im Humboldthain, den Volkspark Rehberge, den Plötzensee, das erhabene Virchow-Klinikum mit seinem wunderbar ruhigen Innenhof.

„Wunderkammer Wedding“ – den schönsten Begriff hat unter Umständen Pedda Borowski gefunden, Maler, Illustrator und Design-Dozent an der IB-Hochschule. Er benannte sein Seminar nach den vollgestopften Raritätenausstellungen der Spätrenaissance, eben: Wunderkammer. Borowski hat seine Studenten einfach losgeschickt, in die Straßenschluchten und die Kneipen und die Parks. Sie sollten, wie damals die Besucher der Museums-Vorläufer, vor allem eines: staunen. Und lernen. Und sich verändern.

 

V. NUN KOMM DOCH ENDLICH!

Er kommt, der Wedding, raunen sie seit Jahren, oder kommt er noch nicht, jetzt kommt er aber, nein wirklich, jetzt muss er doch kommen!

Ja, Leute, wohin denn, bitte schön? Und überhaupt, was für eine schwachsinnige Forderung! Er war doch immer da und ließ mit sich machen. Ließ sich hin- und herwälzen, immer mal wieder umoperieren, auch mal mit dem stumpfen Skalpell. Aber sich bewegen, daran denkt doch der faule, fette Vogel Wedding nicht. Wohin denn auch? Er ist doch schon mittendrin. Wenn schon Aufbruch, dann eher so wie in der alten Liedzeile des seligen Jim Croce, völlig anderes Land, völlig andere Zeit: „If you’re going my way, I’ll go with you.“ Recht hast du, alter Freund.

Und dann wetzt man, ganz geschafft vom Schauen und Reden und Wundern, die Hochstraße hinauf, den S-Bahn-Graben zur Rechten, hastig tretend den vermeintlich schöneren Ecken dieser Stadt entgegen, und dann tut sich links auf einmal der Blick auf vor dunkelrotem Weddinghimmel, und mit dünnen Bauhaus-Lettern steht an schlichter Fassade: Hotel Citylight. Und man denkt sich nur: L.A., 50er Jahre, und sonst nirgendwo.

Man muss das alles nicht verstehen. Manche sagen: Man kann das alles nicht verstehen.

Wedding, was ist das?

Tja, keine Ahnung. Aber wir werden mal losziehen und sehen, was sich herausfinden lässt.