15 Jahre nach Ende des Kosovokriegs werden immer noch 1700 Opfer offiziell vermisst. In Suhareka verschwanden 49 Menschen aus Hysni Berishas Familie. Geschichte eines Überlebenden, der die Hoffnung nie aufgegeben hat.

Suhareka, 26. März 1999

Vom Fenster im zweiten Stock kann Hysni Berisha die Straße sehen. Es ist halb eins, aber Mittagsruhe gibt es heute keine. Er sieht seinen Cousin Musli die Straße hinunterlaufen, den weißen Plis auf dem Kopf. Dahinter Muslis Mutter, die alte Hanumshahe, schwer stützt sie sich auf ihren Stock. Die Straße ist abgesperrt, die Polizisten führen die beiden wieder zurück. Hysni Berisha wirkt ruhig, oben am Fenster seines Wohnzimmers, er hat seine Frau und seine sechs Kinder bei sich, seine Angst zeigt er nicht.

Suhareka, 26. März 2014

Die Porträtfotos in der Turnhalle stehen auf rotem Tuch. Fatime mit dem Kopftuch, das erste Foto, gleich rechts vom Eingang, danach kommen Ismet und Redon, sie schauen aus Kinderaugen. Die Menschen gehen vorbei, blicken in die Gesichter, einige haben die flache Hand auf der Brust, dort, wo das Herz sitzt. Draußen stehen sie bis halb über den Parkplatz. „Bitte bilden Sie Zweier- und Dreierreihen“, sagt der Mann im Dreiteiler. „Bitte gehen Sie schneller.“

Suhareka, 26. März 1999

Es ist still geworden in der Pizzeria zur Mittagszeit. Nur das Krachen der Walkie-Talkies ist zu hören, draußen vor der Tür. Holt den Lastwagen, ruft einer, und bringt sie so schnell wie möglich weg. Die Männer arbeiten zügig, der LKW hat in der Nähe gewartet, die gelbe Plane leuchtet in der Sonne. „Mein Sohn, seid ihr fertig?“, fragt Zokis Mutter. „Ja“, antwortet der Sohn, „wir haben alles erledigt.“ – „Gut“, sagt die Mutter, „dann gute Fahrt.“

„Es war ein schöner Tag“, sagt Hysni Berisha, der Tag, an dem er seinen Cousin Musli noch einmal sah und dessen alte Mutter mit ihrem Stock. „Ein sonniger Tag“, sagt Hysni Berisha. „Im März schien die Sonne, und im April hat es geregnet.“

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In diesem Text geht es nicht um Bill Clinton oder Peter Handke. Nicht um Schröder und Fischer, und auch nicht um Slobodan Milosevic, obwohl er doch vorkommen wird, weil es nicht anders geht. Im Mittelpunkt dieses Textes, dieser Geschichte, steht keiner jener großen Männer, die immer zuerst auftauchen, wenn man nach dem Wort sucht, in Archiven, in Nachschlagewerken, im Internet; ein Wort, das allen noch gut geläufig ist, gerade in Deutschland.

Kosovokrieg.

In dieser Geschichte geht es um einen, der nicht am Verhandlungstisch saß, der nicht um Rat gefragt wurde, der keine Knöpfe gedrückt und keine Befehle erteilt hat an Uniformierte. Es geht um einen Mann, der sich auf die Suche gemacht hat, als längst alle Knöpfe gedrückt, alle Befehle ausgeführt waren. Sein Name ist Hysni Berisha, er stammt aus dem kleinen Ort Suhareka im Süden des Kosovo. Seine Suche hat vor genau 15 Jahren begonnen, im Juni 1999.

Hysni Berisha sucht nach seinen Verwandten, nach seiner Familie. Es ist für ihn eine vielleicht nie endende Aufgabe geworden: die Suche nach den Berishas, die verschwunden sind, an einem sonnigen Freitagmittag im März 1999.

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Seit dem frühen Morgen stehen sie da, die beiden Panzer, keinen Meter haben sie sich bewegt. Ihre Geschützrohre sind auf das Haus gerichtet, das sie in Suhareka nur das Weiße Haus nennen. Alles ist still, bis auf das dumpfe Wummern, das von den Weinbergen herüberweht. Seit acht Uhr beschießt Artillerie die Dörfer. Die Panzer stehen auf der Anhöhe hinter dem Weißen Haus, ein prächtiges Gebäude mit einer Fassade aus weißem Klinker, daher der Name.

Hysni Berisha, ein kleiner Mann mit sonnengebräuntem Gesicht und tiefen Wangenfalten, spricht ohne Hast. Er macht viele Pausen und wartet geduldig auf den Übersetzer, der die Worte mühsam vom Albanischen ins Englische trägt. Wenn er schweigt und wartet, zieht Hysni Berisha Mundwinkel und die Stirn nach oben, ein Ausdruck zwischen Sorge, Melancholie und einem Lächeln, das fast entschuldigend wirkt.

49 Menschen starben am 26. März in Suhareka“, sagt der Übersetzer. „Darunter 17 Kinder und 18 Frauen.“

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Drei Familien drängen sich ins Weiße Haus, Menschen jedes Alters. Am Tag zuvor, Donnerstag, 25. März, waren sie schon einmal gekommen, die Uniformierten. „Wo ist dein Papa Clinton jetzt?“, haben sie Nexhat Berisha gefragt, Hausherr zu Friedenszeiten, und dann haben sie gelacht und angefangen, auf ihn einzuschlagen, sie haben das Geld genommen, das sie fanden, 50.000 D-Mark, und alles andere, was sie gebrauchen konnten, Fernseher, Elektrogeräte, Heizstrahler und die Computer der OSZE-Beobachter. Die hatten Suhareka verlassen, schon vier Tage zuvor, kurz bevor die ersten NATO-Bomben fielen auf die serbischen Stellungen im Kosovo. Grünes Camouflage tragen die Männer, als sie am 25. März in Nexhat Berishas Haus kommen. Danach steigen sie wieder in ihre Wagen und lassen die Angst zurück.

Sie kamen zu den Häusern der Berisha-Familie, weil die OSZE ins Weiße Haus gezogen war“, sagt Hysni Berisha. „Aber auch, weil wir Albaner waren.“

Beginnend im Januar 1999 und bis zum Datum dieser Anklageschrift andauernd, haben Slobodan MILOSEVIC, Milan MILUTINOVIC, Nikola SAINOVIC, Dragoljub OJDANIC und Vlajko STOJILJKOVIC eine Kampagne des Terrors und der Gewalt geplant, angestiftet, befohlen, durchgeführt sowie auf anderem Wege unterstützt und begünstigt, die gegen die im Kosovo in der Bundesrepublik Jugoslawien (BRJ) lebenden kosovo-albanischen Zivilisten gerichtet ist.

Die Operationen wurden mit der Zielsetzung unternommen, einen erheblichen Anteil der kosovo-albanischen Bevölkerung aus dem Kosovo zu vertreiben, um eine dauerhafte serbische Kontrolle über die Provinz zu sichern. Um diese Vertreibungen zu begünstigen, haben die Kräfte der BRJ und von Serbien bewusst eine Atmosphäre der Angst und der Unterdrückung geschürt, durch Anwendung von Gewalt, Gewaltandrohung sowie gewalttätige Handlungen.

(Aus der Anklageschrift gegen Slobodan Milosevic, 22. Mai 1999.)

Mostar, Sarajevo, Srebrenica. Zehntausende ermordert, Hunderttausende vertrieben, Brücken zerstört, Häuser verbrannt: Auf dem Balkan hatte der Tod bereits viele Namen, als 1999 noch einmal alles von vorne losging. Und die Welt schaute erneut zu, aus sicherer Entfernung, von den Bergen nahe Suhareka konnte man alles sehr gut sehen, die Dörfer und den Qualm und die Lastwagen, die leer ins Tal fuhren und voll beladen wieder zurückkehrten.

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2014

Die Pizzeria, 15 Jahre später. Putz, Staub, Trümmer, sie haben alles so gelassen, die schwarzen Wände, die kaputten Gipssäulen, nur ein dünner Glasvorbau ist vor den Eingang gesetzt worden. Die Einschusslöcher liegen kaum je zwei Zentimeter auseinander. Die Täter haben dem Schicksal wenig Platz gelassen.

Der Morgen vor der Trauerfeier. Das Billard-Café nebenan hat schon geöffnet. Menschen gehen vorbei, tägliche Gänge durchs Stadtzentrum. Der Kameramann von Al-Jazeera beschwert sich über die Lichtspiegelung. Der Fotograf versucht, durch die Scheibe zu fotografieren. Die Reporter rauchen. Da kommt Hysni Berisha, schnelle Schritte in weiten Anzugbeinen, den Schlüssel in der Rechten.

Die Pistole auf dem Boden, mit Staub überzogen. Es knirscht unter den Schuhen. Ein Klicken. Der Fotograf hat sein Motiv. Die Pistole ist aus Plastik, ein Kinderspielzeug.

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13. Juni 1999, der Frieden ist fünf Tage jung, als Hysni Berisha in die Pizzeria zurückkehrt, zum ersten Mal. Zusammen mit den Soldaten der Kosovo Force kommen die Menschen wieder in ihre Stadt, und Hysni Berisha sieht die Pizzeria und etwas später, auf der Hauptstraße, sieht er den Kastenwagen mit der Aufschrift CNN. Er führt sie hin, die Journalisten aus Amerika, mit Handzeichen, Lauten, er zeigt ihnen alles, auch den Schnuller, der auf dem Boden liegt, und abends ist Suhareka in den Weltnachrichten.

Am 13. Juni beginnt sie, die Suche von Hysni Berisha. Von Haus zu Haus geht er zunächst, beginnt, die Angehörigen zu befragen, treibt Zeugen auf, stellt schließlich eine erste Liste zusammen mit den Namen derer, die verschwunden sind. Fieberhaft suchen die Menschen nach ihren Angehörigen, in diesen ersten Nachkriegstagen, sie reißen die frischen Gräber auf und lassen sie offen liegen, wenn sie nicht die Ihren finden. Zwei Tage sucht Hysni Berisha allein, dann bittet er die Soldaten um Hilfe, die KFOR, fortan ist er mit zwei professionellen Forensik-Teams unterwegs, er zeichnet Karten der Fundorte, der Gräber, alles von Hand, betreibt Nachforschungen, identifiziert Leichen, Dutzende, Hunderte. Macht eine erste Aussage für den Strafgerichtshof in Den Haag.

Später gründet Hysni Berisha eine Organisation, die Vermisstenorganisation von Suhareka, sie hat zunächst ein Mitglied und ihr Name ist „Shpresim“, das bedeutet so viel wie: weiter hoffen; die Hoffnung nicht aufgeben.

„Die Hoffnung war immer bei mir“, sagt Hysni Berisha. „Es gab Momente ohne Hoffnung, aber ich habe nach vorne geschaut und weitergemacht. Dank ihr, dank der Hoffnung, haben wir die 24 gefunden.“

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2014

In der Sporthalle kommt Moll aus den Boxen. Schwarzes Tuch vor einem der Basketballkörbe, in der Mitte eine Papprose. Die Tribünen auf beiden Seiten füllen sich, es müssen an die 1.000 Menschen sein. 15 Jahre später. Die erste offizielle Trauerfeier.

Am Fußende der Särge sind Zettel angeheftet, weißes A4, darauf die Namen und der Fundort. Ba-046, steht da, Ba-09, Ba-47-1. Ba, das steht für Batajnica, ein Militärgelände nördlich von Belgrad, 400 Kilometer entfernt von Suhareka.

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1999

Die Bagger sind schon da, als die Müllmänner aus Prizren am Schießstand von Korisha ankommen. Nachts arbeiten sie sonst nie. Zwei Bagger, zwei Lastwagen, mit kühlbaren Containern. Es regnet in Strömen, eine kalte, nasse Nacht, Anfang April 1999. Die Schaufeln der Bagger graben sich in die Erde. Die Polizisten arbeiten unten, die Müllmänner laden das, was sie finden, auf die Laster. Sie zählen die Körper nicht, aber es sind mindestens 80, vielleicht 90, sie tragen Straßenkleidung und sie riechen schon. Bis um zwei Uhr morgens dröhnen die Bagger auf dem Schießstand der Jugoslawischen Volksarmee, der zwischen Suhareka und Prizren liegt, und ihre Scheinwerfer erleuchten die Nacht.

Die gleiche Nacht, die gleiche Gegend: Hysni Berisha findet keinen Schlaf. Ab nach Albanien, haben die Polizisten gerufen, als sie ihn und seine Familie und all die anderen verbliebenen Albaner aus ihren Häusern geholt haben, ab zur Grenze mit euch! Über fünf Kilometer lang der Treck, der kurz vor Prizren vorerst angehalten wird. Vom Rand des provisorischen Lagers sieht Hysni Berisha zwei grelle Lichtkegel, Motorengeräusch dringt durch den Regenschleier. Er kann sich nicht erklären, was sie da tun, warum sie arbeiten, mitten in der Nacht.

Im September kehrt Hysni Berisha zurück nach Korisha, er begleitet wie immer die Forensiker. Ein Foto finden sie in der Erde des Schießstands, ein Foto und eine Jacke und schließlich den Federkasten. Der schlimmste Tag, sagt Hysni Berisha, das war dieser 1. September 1999, der erste Schultag. Der kleine Mirat Berisha wäre in die zweite Klasse gekommen. Stattdessen finden sie nur seinen Federkasten, voller Erde, zehn Wochen nach der Befreiung.

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Die Männer kommen zu Fuß, es ist nicht weit von der Polizeistation zum Weißen Haus. 30 Männer, alle in Uniform, nur Milorad Nisavic kommt ganz in Schwarz. Boss, so nennen sie Nisavic in Suhareka. Sein Hotel heißt so, „Boss Hotel“. Hier wohnten die OSZE-Beobachter. Dann zogen sie ins Weiße Haus, dort war es billiger. Das konnte dem Boss nicht gefallen.

30 Männer umringen das Haus, es ist kurz vor halb eins, und Zoki und Miki sind auch da. Die Berishas erkennen sie trotz der Vermummung. „Bujar!“, ruft Zoki nach einem der Berishas, „Bujar, komm raus!“

Zoran Petkovic spricht fließend Albanisch, er kennt die Familie gut, sie nennen ihn Zoki, er war Fahrer in ihrer Firma, fuhr Lastwagen und Busse im „Bau- und Industrieunternehmen 19. November Suhareka“. Früher hat Zoki oft bei den Berishas zu Abend gegessen. Zoki und sein Bruder Miki und all die anderen stehen nun draußen vor dem Haus, jeder mit einer Kalaschnikow in der Hand, und das Böse hat eine vertraute Stimme.
„Komm raus, Bujar“, ruft Zoki. „Komm schon raus.“

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2014

Alan Robinson, der Chef der EU-Forensiker im Kosovo, sagt: „Das Ausmaß, in dem die Leichen hier bewegt worden sind, habe ich noch nirgendwo gesehen.“

An acht Stellen haben sie Menschen gefunden in Batajnica, 705 insgesamt, dazu noch einmal 380 weitere „Gegenstände von forensischem Interesse“, so heißt es offiziell. Die Identifizierung der Vermissten, ein gigantisches Puzzlespiel, das nicht immer gelingt. Als sie die Fälle von Batajnica wieder aufrollen, finden Robinson und seine Kollegen die Überreste von acht verschiedenen Menschen in einem einzigen Leichensack.
Nur wenige Gramm eines Knochens brauchen die Experten, um einen DNA-Abgleich durchzuführen mit einem der Hinterbliebenen, und doch lösen sie mittlerweile kaum mehr 50 Fälle pro Jahr. Von einst 6.000 Namen stehen auch 15 Jahre später immer noch 1.700 auf der offiziellen Liste der Vermissten des Kosovokriegs, geführt vom Internationalen Roten Kreuz, und die Zahl sinkt immer langsamer.

24 Särge stehen in der Sporthalle auf rotem Tuch, doch 25 fehlen, sie fehlen noch immer.

„Es wird leichter sein nach diesem Tag“, sagt Hysni Berisha, „auch für mich. Unsere Seelen werden etwas leichter sein. In 15 Jahren haben wir nie aufgehört, zu suchen, als Familie haben wir an die verschiedensten Türen geklopft. Lange hatten wir keinen Ort, aber jetzt wissen wir, wo wir 24 Blumen hinlegen können.“

Auch die Politik ist gekommen, die Staatspräsidentin, langer grüner Mantel, der Premierminister, im Anzug, grau und maßgeschneidert. Hashim Thaci sitzt in der ersten Reihe, er hat dieser Tage viele Termine, fast jeden Tag eine Trauerfeier irgendwo im Land, 15 Jahre später. 17 Massaker gab es alleine in der Großgemeinde Suhareka, über 500 Namen schrieb Hysni Berisha auf seine Liste.

Hysni Berisha sitzt in der Sporthalle nicht in der ersten Reihe, er steht die gesamte Trauerfeier hindurch, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, da, wo die Stuhlreihe endet. Am Abend wird man ihn trotzdem in den Nachrichten des Fernsehsenders KTV sehen, hinter der Präsidentin, die gerade ein Interview gibt, und keiner wird wissen, wer dieser Mann ist mit dem müden Blick und den tiefen Falten in der Wange.

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Drei Familien rennen weg, nur weg, das Weiße Haus im Rücken, neben dem die Männer liegen, Bujar und Nexhat und Faton, gleich am Hinterausgang liegen sie. Die Berishas rennen, so schnell sie können, Frauen, Kinder, Alte, alle in verschiedene Richtungen. Nexhats Frau Shyhrete und ihre Tochter Herolinda rennen über die Straße, hin zu dem kleinen Einkaufszentrum neben der Busstation, Majlinda rennt nach rechts, die Straße hinunter, den kleinen Redon auf dem Arm, das Kind schreit, 22 Monate alt, aber auf dem Foto in der Sporthalle sieht Redon Berisha noch jünger aus.

Am meisten weinen die Alten. Alte Frauen und alte Männer, weinend gehen sie aus der Halle, in den grauen Tag, die Männer tragen den Plis, die Frauen ein weißes Kopftuch. Die Särge sind zu lang, sie ragen hinten ein Stück über das Podest hinaus. Nur vier der Särge nicht, sie sind weiß lackiert und kaum einen Meter lang. Am meisten weinen die Alten, sie haben Kinder und Enkelkinder.

In der Pizzeria gibt es nicht genügend Stühle. Manche setzen sich auf den Boden. Es sind fast 50 Menschen, keiner ist entkommen, bewaffnete Posten an jeder Ecke. Nach und nach kommen sie alle herein. Die hochschwangere Lirije und Sedats Frau Vjollca mit ihren drei Kindern, Dafina, Drilon und dem achtjährigen Gramoz, und auch ihre Schwägerin Shyhrete mit ihren vier Kindern, den Mädchen Majlinda und Herolinda, Altin und dem kleinen Redon. Als keiner mehr kommt, verriegeln die Polizisten von außen die Türen.

„Mama, sie haben mich verletzt“, sagt Altin, der Elfjährige, zu seiner Mutter, „schau, Mama, sie haben auf mich geschossen, aber sie haben mich nicht ganz erwischt.“

„Ich glaube an Gott“, sagt Hysni Berisha. „Seit 1999 umso mehr. Gott hat alle Rechte, aber getötet hat er mich nicht. Sein Finger war am Abzug, er hätte ihn nur bewegen müssen, aber er hat seine Macht nicht eingesetzt. Gott ist unser Zeuge, und wir Überlebenden sind der Grund, an ihn zu glauben.“

Den Haag, Internationaler Strafgerichtshof, 4. Juli 2002:

ZEUGE: HYSNI BERISHA
KREUZVERHÖR DURCH SLOBODAN MILOSEVIC. Ist es korrekt, hier, wo ihre Angaben stehen, dass Sie ein Anwalt waren?
DER ZEUGE. Ich war kein Anwalt, aber in der Übersetzung vom Albanischen ins Englische ist es so entstanden. Ich war ein Rechtsbeamter in einem Bauunternehmen. Ein Verwaltungsangestellter.
MILOSEVIC. Kann man also folgern, dass Sie keinerlei Ausbildung oder Erfahrung bei Untersuchungen haben, die mit der Ausübung von Verbrechen zu tun haben?
DER ZEUGE. Ich bin dieser Frage nicht beruflich nachgegangen, sondern aus einer humanitären Sicht.

Als sie ihn in den Gerichtssaal bringen, denkt Hysni Berisha an die Wahrheit. Er denkt an all die Menschen, die gestorben sind. Er schaut hinüber zur Anklagebank, und Milosevic begegnet seinem Blick. Milosevic, der Präsident, der sich selbst verteidigt, weil er den Anwälten der Weltgemeinschaft misstraut. Milosevic, der Redner, der intelligente Provokateur. Hysni Berisha denkt an die Opfer, an die Familie seines Onkels, aus der nur sein Neffe Florim geblieben ist. Er denkt an Shpresim, seine Organisation, an seine Suche und die Hoffnung, die er in sich trägt, noch immer. Er spürt, wie sich sein Puls senkt. Wie er ruhig wird. Er denkt nur noch an das, was er sagen will.

„Oh, Shyhrete“, sagt Vjollca, „Shyhrete, was tun die uns nur an?“
„Oh Mami“, sagt Majlinda, „oh Mami, schau nur, Herolinda.“ Und Shyhrete dreht sich um und sieht Herolinda, ihre Tochter, so ein schönes Mädchen, sagt Shyhrete, sie war so ein schönes Mädchen.
„Mama, Mama, kannst du mir bitte Wasser bringen“, fragt der kleine Ismet seine Mutter, „Mama, ich habe solchen Durst.“
„Mozi, lebst du noch?“, fragt Vjollca ihren Sohn Gramoz mit leiser Stimme. „Ja“, flüstert leise Gramoz.
Da fangen sie draußen vor der Pizzeria wieder zu schießen an.

Coffee shop, so wird die Pizzeria genannt in den Dokumenten des Haager Tribunals, die auf Englisch vorliegen, coffee shop, Café.

MILOSEVIC: Sie sagen, dass in diesem Café viele Patronenhülsen lagen, und andere Munition. Bedeutet das, dass jemand aus dem Raum herausgeschossen hat, in dem Sie sich befanden?
DER ZEUGE: Es wurde dort nicht geschossen. Es gab eine Hinrichtung, im Café. Es wurde geschossen, massiv geschossen, im Café.
MILOSEVIC: Nun, das heißt, dass jemand aus dem Café herausgeschossen hat, da sich so viele Hülsen in dem Café selbst befunden haben. Sie reden nicht von Kugeln, Sie reden von Hülsen.
DER ZEUGE: Es war die jugoslawische Polizei. Sie selbst waren der Kommandant. Die ganze Berisha-Familie war dort drin, darunter 18 Kinder und alte Menschen und Frauen. Sie wurden alle dort hineingezwungen, in das Café, und sie wurden hingerichtet mit Schusswaffen. Und dann wurde das Gebäude angezündet, um die Spuren des Verbrechens zu vertuschen. Es gibt Zeugen, die das Massaker überlebt haben und aussagen können, was genau dort passiert ist.

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Die Frau liegt in der Mitte der Straße, auf dem Rücken, und um sie herum ist Blut. „Helfen Sie mir“, sagt Shyhrete Berisha. „Helfen Sie mir, meine ganze Familie ist in dem Laster.“ Malësi e Re, so heißt das Dorf, in dem Shyhrete Berisha von der Ladefläche springt, Malësi e Re liegt zwischen Suhareka und Prizren, vier Kilometer vor Korisha, wo die jugoslawische Armee einen Schießstand hat.

Erst Wochen später erfährt Shyhrete, dass auch Vjollca und der kleine Gramoz hinabgesprungen sind, ein Stück weiter die Straße hinunter, die von Suhareka nach Prizren führt.

Drei Menschen leben.

Der kleine Gramoz sagt lange kein Wort. Ein Fernsehteam will über das berichten, was passiert ist, doch der Junge schweigt. Hysni Berisha spricht mit ihm, er redet auf den Jungen ein, immer wieder, geduldig, erklärt ihm, dass es wichtig ist etwas zu sagen, redet und redet, und der Junge schweigt und schweigt. Du bekommst ein neues Fahrrad, verspricht er ihm schließlich, da fängt Gramoz zu erzählen an. Erzählt, wie ihn die Kugeln trafen, in die Schulter, wie die Körper schwer auf ihn fielen, wie sie ihn hochhoben, an der anderen, der unverletzten Schulter, zum Glück, sagt Gramoz, sonst hätte ich geschrien vor Schmerz und sie hätten es gemerkt. Das alles erzählt nun der Junge, und Vjollca, seine Mutter, sitzt neben ihm und weint, sie weint laut. Bis heute ist sie nicht zurückgekehrt in das Haus mit dem weißen Klinker, sie hat es nie mehr sehen wollen.

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„Ich habe nicht erwartet, dass dieser Tag geteilt sein wird“, sagt Gramoz Berisha in der Sporthalle von Suhareka. „Nach 15 Jahren sind wir erst an der Hälfte unseres Weges angelangt. Das ist unser Schicksal. Aber halbe Gerechtigkeit gibt es nicht. Die Gerechtigkeit ist immer vollständig. Wir sind es nicht, die Angst vor der Zukunft haben müssen, sondern diejenigen, die das Unrecht begangen haben.“

Die Menschen in der Sporthalle klatschen, zum einzigen Mal an diesem Tag.

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Als Hysni Berisha das erste Mal nach Den Haag kommt, Juni 2002, ist Milosevic krank. Zehn Tage lang wartet Hysni Berisha, die meiste Zeit bleibt er in seinem Hotel. Dann schicken sie ihn wieder nach Hause, zurück nach Suhareka, zu seiner Familie, wer weiß, wann es soweit ist. Doch nur drei Tage später wird er erneut in die Niederlande gerufen. Der Angeklagte, so heißt es, sei nun wieder verhandlungsfähig.

MILOSEVIC: Sie sagen auf Seite 3 Ihrer Aussage – Sie erklären, wie die Serben immer morgens angriffen, und Sie sind abends in den Keller gegangen. Haben Sie vielleicht Schutz vor NATO-Bombardierungen in diesem Keller genommen, Mr. Berisha?
DER ZEUGE: Ich weiß, dass Sie versuchen — dass Sie versuchen, die Wahrheit aus dem Weg zu schaffen, aber ich sage, dass jeden Morgen der Beschuss in Richtung der Dörfer begann. Dies war eine Operation gegen die Zivilbevölkerung. Sie selbst wissen, wie Sie sie organisiert haben. Das war nicht — der Grund dafür, dass wir in den Keller gingen, war nicht, weil wir Angst vor der NATO hatten. Die NATO hat Suhareka nie bombardiert. Wir hatten auch nie Angst vor NATO-Angriffen. Das waren unsere Retter.

„Für mich ist es ein Verfahren ohne Bedeutung“, sagt Hysni Berisha. „Er ist gestorben, ohne seine Bestrafung zu bekommen.“

RICHTER MAY: Mr. Berisha, wir haben wenig Zeit. Wir müssen wirklich versuchen, das zu einem Abschluss zu bringen. Wenn Sie sich nur auf die Frage konzentrieren könnten.
DER ZEUGE: Ich wollte Sie nur an die Massaker erinnern, die ich in Suhareka erlebt habe.
RICHTER MAY: Natürlich. Wir haben das im Auge. Wir kennen Ihre Aussagen. Aber die Frage, die Ihnen gestellt wurde, ging um die Häuser, die zerstört wurden. Wie viele Häuser wurden denn zerstört? Können Sie sich erinnern, oder nicht?
DER ZEUGE: Ich erinnere mich, aber das Wichtigste sind doch Leben, die Menschenleben, nicht die Häuser. Ich rede davon, wie viele Opfer gestorben sind.

„Aus der Familie meines Onkels habe ich 16 Menschen verloren“, sagt Hysni Berisha. „Wenn 16 Hühner vom Adler gefressen werden, ist das schlimm. Was aber, wenn er sich 16 Menschen nimmt, 16 Menschen aus deiner Familie?“

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Draußen vor der Turnhalle heben sie die Särge auf Militärlastwagen. Hysni Berisha steht daneben, sieht zu, wie die Särge ankommen, einer nach dem anderen. Drei Soldaten, zwei vorne, einer hinten, nach drei Särgen kommt der nächste LKW. Die Soldaten tragen die Kappen tief im Gesicht. Am Hang stehen die anderen Laster, mit laufenden Motoren. Die Särge sind leicht, in ihnen ist kaum je ein ganzer Mensch.

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Von Suhareka nach Korisha, auf den Schießstand, und von dort nach Norden, nach Serbien, so ging die Reise der Toten. Die Täter holten sie wieder heraus. Als die Invasion absehbar wurde. Als sie merkten, dass die Toten hier, in der Erde des Kosovo, nicht sicher sein würden vor denen, die sie vermissten.

Tekija, Serbien. Der 5. April 1999, 13 Uhr. Als Bosko Radojkovic, Kriminalpolizist von der Spurensicherung, am Donau-Ufer ankommt, sieht er den Kasten eines LKW schräg aus dem Wasser ragen. Mit einem Kran ziehen sie den Wagen aus dem Wasser. Radojkovic liest die Aufschrift: „PIK Progres Export Schlachthaus. Telefonnummer. Telefax. Prizren.“

30 Körper holen Bosko Radojkovic und seine Kollegen in der ersten Nacht aus dem Kühltransporter, bis drei Uhr morgens arbeiten sie, dann sind sie zu erschöpft, um weiterzumachen. In der Nacht darauf noch 56. Männer und Frauen und auch zwei Kinder. Ein Junge, ein Mädchen. Im Rucksack des Mädchens: ein paar Buntstifte, eine Puppe, ein UNICEF-Block, A4. Auf der ersten Seite eine Zeichnung, ein Haus und ein paar Blumen.

Zwei neue Lastwagen. Sie verschwinden in die Nacht, die Donau hinauf, Richtung Belgrad.

Drei Tage lang findet Bosko Radojkovic keinen Schlaf, dann gibt ihm der Arzt eine Beruhigungsspritze.

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Der Geruch von Gras und nasser Erde. Ein kleines Grundstück, vielleicht zwanzig mal zwanzig Meter, direkt an der Straße. 10.000 Euro hat die Gemeinde zur Verfügung gestellt für die Grabstätte der Familie Berisha. Die Pläne sind gemacht, Hysni Berisha zeigt sie stolz, es soll gepflasterte Fußwege geben und Springbrunnen neben den Gräbern, die in fünf Gruppen zu je zehn Gräbern angeordnet sind. 10.000 Euro werden wohl nicht reichen.

Noch gibt es nur die Fundamente, fünf Stück mit je zehn Betonschalen. 24 Platten liegen auf der feuchten Erde. Die Menschen haben ihre Schirme aufgespannt. Zigarettenrauch und gedämpftes Geplauder. Dann drehen sich die Köpfe, es wird still. Die Lastwagen kommen, im Schritttempo fahren sie durch den Regen.

Das Schlimmste am Tod eines Menschen ist vielleicht, dass das Leben für die anderen weitergeht. Das Schlimmste ist die Hoffnung. So lange die Toten nicht gefunden sind, finden auch die Lebenden keine Ruhe. Die Mütter, die Väter, sie wollen nicht aufhören zu glauben, dass ihre Söhne, ihre Töchter und Enkel doch eines Tages in der Tür stehen, wie früher.

„Das Schlimmste“, sagt Hysni Berisha, „das Schlimmste war, dass ich es wusste. Ich hatte die Information, ich trug sie mit mir herum. Aber ich habe nichts gesagt.“ Nur einer Person in jedem Haushalt hat er es mitgeteilt, das, was ihm das Rote Kreuz, was ihm die Forensiker gesagt hatten. Wen sie gefunden hatten. Eine Person pro Familie, die Person, die er für die stärkste hielt. „Ich habe es auf meine Art getan“, sagt Hysni Berisha, „und es war nicht leicht.“

Unter internationalem humanitärem Recht und internationalen Menschenrechtsgesetzen haben Familien das Recht, über das Schicksal ihrer vermissten Verwandten informiert zu werden.
(Internationales Rotes Kreuz)

Der Baggerfahrer lässt den Motor an. Die Männer greifen nach der Kette, die an der Schaufel hängt. Heute gräbt der Bagger nicht, er soll eine Last heben. Zwei Männer machen die Haken an den Griffen der ersten Platte fest. Anweisungen. Handzeichen. Dieselgeruch. Hysni Berisha steht mit den anderen Männern um das offene Grab, auf seinen Schuhen ist Schlamm, der Baggerfahrer versteht die Kommandos nicht. Endlich senkt sich die Platte hinunter, langsam, Stück für Stück. Der Atem steht den Männern in kleinen Wölkchen vor dem Gesicht.

* * *

Nicht nur Milosevic haben sie vor Gericht gestellt, auch die Brüder Petkovic, Miki und Zoki, und Milorad Nisavic, den Boss, auch ein paar andere. Es wurde über ihre Schuld verhandelt, drei Jahre lang, vor dem Bezirksgericht in Belgrad, Kammer für Kriegsverbrechen. 15 Jahre bekam Miki, 20 Jahre der Polizeichef und 13 der Boss. Zoki sprachen die Richter frei. Keiner wollte zugeben, am 26. März am Weißen Haus gewesen zu sein oder vor der Pizzeria. Keiner außer Miki. Ja, ich war da, sagte Miki, aber ich habe nicht geschossen.

„Ich kannte alle, die dort vor Gericht standen“, sagt Hysni Berisha. „Ich kannte sie aus Suhareka. Zoki hat in unserer Nähe gewohnt, direkt neben dem Haus meiner Eltern.“

Hysni Berisha hockt am Rand der Grabstätte, das Kinn in der Hand. Ein Mann sprüht Schaum in die Spalten. Auf den Holztafeln stehen die Namen und darunter zwei Daten. Das zweite Datum ist immer das gleiche: 26.3.99.

Die Eltern liegen zur Straße hin, die Kinder innen. Shyhretes Töchter, Majlinda neben Herolinda, dann ein leeres Grab, dann das ihres Bruders Redon, 23.5.97, und an der Ecke das seines Cousins Ismet, 9.9.96. Auf den leeren Gräbern liegen keine Blumenkränze, der Regen fällt auf den nackten Beton.

Hysni Berishas Blick geht über all die Schirme, wer weiß wohin. Er ist ganz allein unter all den Menschen, auf einer Grabplatte, unter der niemand liegt. Eine halbe Minute vergeht, vielleicht eine ganze. Dann richtet sich Hysni Berisha auf, macht schwankende Schritte und nimmt sich zwei Kränze, in jede Hand einen, Kränze aus Plastikblumen.

Das Leben nach dem Tod. Es muss weiter gehen. Suchen Sie sich ein Hobby, das haben die Psychologen ihm damals gesagt, ein paar Monate nach Kriegsende war das, als die „Ärzte ohne Grenzen“ in Suhareka Station machten. Suchen Sie sich ein Hobby, Mister Berisha, haben sie ihm gesagt, sonst wird das Trauma Sie besiegen. Sonst bringt es Sie um.

„Den Bienen geht es gut“, sagt Hysni Berisha. 32 Stöcke sind es, Tausende Bienen, manchmal geben sie mehr Honig, und manchmal weniger. Kommt darauf an, wie kalt es ist. Diesen Winter hat es viel geschneit, aber jetzt kommt der Sommer.