Fünf Monate haben Grundschulkinder in drei Berliner Kiezchören mit Profi-Musikern geprobt, dann hatten sie ihren großen Auftritt in der Philharmonie. Wir haben sie begleitet. (128 Magazin, Juni 2014)

„Helden“, sagt Marwan, „kenn ich, hatten wir neulich in Englisch. HEROES!“ Marwan spricht das fremde Wort langsam und vorsichtig aus, aber wen er aufgeschrieben hat, weiß er jetzt auch nicht mehr. Ist vielleicht die Aufregung. Man muss das verstehen, es ist Marwans erstes Interview. Es ist der Tag nach seinem zwölften Geburtstag.

Zwölfjährige geben der Presse normalerweise keine Interviews, klar. Es sei denn, sie heißen Macaulay Culkin und haben gerade „Kevin allein zu Haus“ abgedreht. Kennt Marwan natürlich auch, die Kevin-Filme, den ersten findet er am besten, aber er selbst hat noch in keinem Film mitgespielt. Er ist ein ganz normaler Junge aus Moabit, Carl-Bolle-Grundschule, sechste Klasse, Lieblingsfächer Englisch, Mathe, Religion und IE, das steht für Interkulturelle Erziehung.

Warum also sitzt Marwan hier, an einem Cafétisch im Einkaufszentrum MoaBogen, am U-Bahnhof Birkenstraße, vor sich einen riesigen süßen Pfannekuchen, den sie anderswo Berliner nennen, und gleich daneben ein Aufnahmegerät?

Die Antwort hat mit dem Poster zu tun, das seit Dezember in Marwans Zimmer hängt, mit einem Kaugummi, von dem die Zunge blau wird, mit einem Heinzelmännchen und mit einem schwarzen Halstuch. Und mit Judith Kamphues.

„Die ist nicht streng“, sagt Marwan, „die ist nett“. Sie kennen sich, ganz gut mittlerweile, kann man sagen. Seit Oktober, seit den Herbstferien, haben sie sich ja jede Woche gesehen, immer dienstags, immer um halb fünf, Rostocker Straße, Stadtschloss, so heißt dieser Ort, und wie ein König kannst du dich fühlen, wenn du dort warst und anderthalb Stunden gesungen hast, mit heller Stimme, aus voller Kehle.

Aus ganz normalen Berliner Kindern Helden zu machen, das ist der Plan. Vokalhelden, genau genommen, diesen Namen hat die Education-Abteilung der Berliner Philharmoniker für das Projekt ausgesucht. Musikalische Laien für die Musikkultur zu begeistern, das strebt das Programm seit seiner Gründung vor zwölf Jahren an. Menschen zusammenzubringen, das sei doch ohnehin das Beste, was die Musik leisten könne, hat Dirigent Simon Rattle mal gesagt.

Und so kommen sie also zusammen, jede Woche, all die Kinder und Chorleiter und Stimmbildner und Organisatoren und, nicht zu vergessen, die Ehrenamtlichen. Ohne deren Einsatz, zuverlässig, warmherzig, ohne viel Gewese, das hier alles ohnehin nicht funktionieren würde. Geprobt wird in drei sehr verschiedenen Berliner Kiezen, dienstags also in Moabit, im großen Saal im Hochparterre, an dessen Decke rosafarbene Tücher hängen, mittwochs in Schöneberg, direkt an der lauten Pallasstraße, und donnerstags in Hellersdorf, in einem Bungalow, der versteckt an einem Fußgängerweg zwischen Neubauten liegt.

Es ist kurz nach halb fünf an einem Dienstag im Stadtschloss Moabit, und die Helden sind ziemlich laut. „Ich zähle bis drei“, ruft Judith Kamphues, „dann seid ihr alle still. Okay? Und beim zweiten Mal geht ihr alle im Kreis.“ Die Kinder stehen gespannt da. „Und los. Einatmen. Zusammen. Ausatmen. Auseinander. In die Knie wie beim Skifahren. Boxen nach vorne. Aber bitte ohne jemandem wehzutun.“ Alles trippelt durcheinander.

„Was heißt eigentlich Vokal?“, fragt Marwan zwischen zwei großen Stücken Pfannekuchen. Klingt wie Vokabel, findet er. „Heißt das: stark?“ So ist das dann manchmal auch, wenn die Erwachsenen sich gute Sachen für die Kinder ausdenken. Sie kommen in ihre Klassen, holen sie mit Bussen ab, sorgen dafür, dass sie in den Pausen genug Wasser trinken und Bananen essen oder Müsliriegel, aber den Kindern zu erklären, was das komische Wort mit dem V bedeutet, das haben sie glatt vergessen.

Andererseits ist das aber auch Schöne an diesem Alter, zwischen sieben und zwölf: dass man sich noch keine Gedanken über alles machen muss. Dass man Sachen einfach macht. Weil man Lust drauf hat. Warum genau, darüber sollen sich dann doch bitteschön die Erwachsenen einen Kopf machen.

Warum singst du im Chor, Marwan? „Weiß auch nicht.“ Es ist eine Weile still, Marwan zuppelt ein bisschen an dem schwarzen Halstuch, das er immer trägt, es hält auch ein bisschen die Stimme warm, aber es ist eh sein Lieblingstuch. Dann sagt er: „Weil’s Spaß macht.“

Die Kinder in Moabit laufen als Schlingpflanzen durch den Raum und dann als große und kleine Fische, in den großen Spiegeln, die an der Längswand hängen, sieht man sie alle noch ein zweites Mal. Ein Mädchen hat einen grünen Pulli an, auf dem steht „Noise“, und das S ist verdreht. „Schulter kreisen, Unterkiefer lockern“, das Aufwärmen geht lange, eine Viertelstunde oder länger, „das ist wichtig für die Kinder“, sagt Chorleiterin Kamphues. „Die meisten haben von ihren Eltern nach der Geburt eben keine Geige in die Hand gedrückt haben.“

Laut stöhnen sie auf, als das Aufwärmen vorbei ist. „Gibt’s irgendwelche Fragen?“, fragt Judith Kamphues, bevor es weitergeht. – „Jaaaa“, ruft ein Mädchen. – „Was denn?“ – „Nee, doch nicht.“

Liebenswürdige Chaoten, das sind Kinder. „Ein Kessel Buntes“, sagt Judith Kamphues. Sonst arbeitet die 46-jährige gelernte Opernsängerin und Gesangspädagogin meist mit der Elite, zum Beispiel mit den Kindern vom Berliner Staats- und Domchor. Zwei Welten. Dort Kinder, die von kleinauf Proben und Disziplin gewohnt sind, die ständig gefördert und gefordert werden, und hier nun Mädchen und Jungs aus allen Kiezen und Schichten und Familien. Einzige Vorbedingung: Interesse am Singen. „Ich schicke niemanden nach Hause, der sich traut, bei uns mitzumachen“, sagt Judith Kamphues.

Hier, in Moabit, Schöneberg, Hellersdorf, geht es um viel mehr, als dass immer alle sofort den gleichen Ton treffen. Es geht um die Gruppe. Um Toleranz auch, um das Aushalten des anderen, auch wenn der mal einen Fehler macht. Und, klar, um Selbstbewusstsein. „Es geht mir darum, dass die Kinder sich trauen, den Mund aufzumachen, auch woanders, auch in der Schule“, sagt Kamphues. „Dass sie merken: das macht mir Spaß, ich muss mir nicht in die Hosen machen.“

Bist du schon ein Vokalheld oder wirst du einer? Den Posterspruch sieht Marwan jeden Morgen um sieben, gleich nach dem Aufstehen, er hat sich das Poster an die Wand gehängt, das Zimmer teilt er, jüngstes von sieben Geschwistern, sich mit seinem älteren Bruder. Der wird bald schon 14 und seine Stimme ist schon viel tiefer. Dienstags um vier, wenn die Schule aus ist, geht Marwan zusammen mit Mariam, rüber zum Stadtschloss, sind ja nur 500 Meter. Mariam geht auch in seine Klasse. Sonst ist keiner dabei. „Manche sagen, sie kommen mal mit“, sagt Marwan, „aber machen die nicht. Finden die langweilig.“

Neulich, sagt Judith Kamphues, habe sie in ihrem Garten gebuddelt, als ihr plötzlich etwas auffiel. Sie merkte, dass sie an die Kinder dachte, nicht ihre eigenen drei, sondern an die Kinder aus Moabit. „Ich dachte, wie geht’s wohl Mariam, letztes Mal hat sie ja mit der geredet, ob die sich wohl verstehen?“ Die Sorgen einer Mutter, so klingt das. „Ist vielleicht hoch gegriffen, aber ein bisschen wie eine Familie, so wollen wir zusammenwachsen“, sagt sie. „Eine Gruppe schaffen, in der die Kinder wissen, sie sind unter sich, und es ist egal, wie alt sie sind, egal ob Junge oder Mädchen.“

In Moabit teilt Marwan die Notenblätter aus. Marwans Zunge ist heute komplett blau, sein Mund auch. „War ein ganz normaler Kaugummi“, sagt er und grinst ein blaues Grinsen. „Die Heinzelmännchen“, so heißt das Stück, das die drei Kinderchöre aus den drei Berliner Kiezen proben, für ihren großen Auftritt in der Philharmonie. Es ist kein ganz einfaches Chorstück, aber es muss ja auch nicht immer alles piepeinfach sein, auch für Kinder nicht.

Nun fangen sie an zu singen, laut und fröhlich, besonders die letzte Silbe jeder Zeile macht den Kindern Spaß. „Wie war in Köln es doch vordeeeeeem, mit Heinzelmännchen so bequeeeeem.“ Es ist ein langes Lied, aber sie haben es sich ja auch aufgeteilt, drei Stadtteile, drei Chöre, die dann zu einem werden sollen, an einem Samstag Mitte Februar in der Philharmonie. Fünf Proben haben sie. Das ist nicht viel.

„Sie sägten und stachen und hieben und brachen, berappten und kappten“, das Lied ist voller alter, fremder, lustiger Wörter, und die Kinder singen sie und sprechen sie und lachen und dann gibt es eine kurze Pause. Entspannungsübung. Neue Konzentration. Betonung! „Berrrrappten. Und Kkkkappten.“ Die Konsonanten kann man gar nicht klar genug aussprechen. Dann dürfen die Kinder sich setzen.

Jede Probe ist wie eine Welle. Konzentration, Entspannung, Konzentration, Entspannung, immer wieder mal hinsetzen zwischendurch, immer wieder mal lockern, anders geht das hier nicht. Es ist kurz vor halb sechs, die Probe fast schon eine Stunde alt, „gleich ist Pause“, ruft Judith Kamphues, „kommt, einmal noch“. Kinderstöhnen. Aber natürlich stehen alle noch mal auf.

„Eigentlich habe ich gar keinen Held“, sagt Marwan. Er überlegt lange. „Ärzte!“, sagt er nach einer Weile. „Die retten ja Leben.“ Seine Schwester, die wolle Kinderärztin werden, sagt er, Schulsprecherin ist sie schon. Und dann fallen ihm doch noch ein paar ein: „Polizisten. Oder Fluglotsen. Die helfen auch bei einer Notlandung“, sagt er. „Die Feuerwehr!“ Feuerwehrmann, das würde er gerne machen, sagt Marwan, oder Pilot. „Aber eigentlich“, sagt er, „lieber Co-Pilot“. Wobei das mit dem Fliegen so eine Sache ist. Geflogen ist er schon oft, nur vor dem Start hat er immer noch Angst, „ich schlafe dann immer ein“. Vor der Landung hat er sich noch nie gefürchtet. Jeden Sommer fliegt er mit seiner Familie in den Libanon, ans Meer, sechs Wochen, die ganzen Ferien, da gibt es den besten Fisch, und Fisch ist Marwans Lieblingsessen.

„Schniegeln! Striegeln! Schhhhhniegeln! Schhhhhtriegeln!“ Die Kinder zischen um die Wette. Der 15. Februar, der Tag des Auftritts, ein trüber, windiger Tag in Berlin. Foyer des Kammermusiksaals, erster Stock, aus dem großen Außenfenstern, die vom Boden bis zur Decke reichen, sieht man den Backsteinturm der Matthäuskirche, einen kahlen Baum und einen Baukran. Vor dem Fenster stehen genau 59 Kinder auf drei Stufen. Zum ersten Mal singen sie zusammen, alle drei Chöre, es ist ein Experiment im Experiment. Um halb drei schon ist der Auftritt, direkt vor dem Kinderkonzert, das erste Mal vor Zuschauern. Aufregend. „So“, sagt Judith Kamphues in den Kinderlärm hinein, „Hellersdorf, bitte. Die Bäckermeister, von vorne.“

Und dann kneten sie, die Heinzelmännchen, und fegen und backen und klopfen und hacken, und die Kinder legen sich richtig ins Zeug, genau wie die Heinzelmännchen in dem Lied. Der offene, helle Raum, der besondere Anlass, das wirkt, man spürt das. Was natürlich nicht heißt, dass die Kinder in den kurzen Pausen keine Kinder mehr sind. „Konstantina, komm von deinen Freundinnen weg, ihr macht eh nur Quatsch!“ – „Och, nööö. Letzte Chance?“

Aber dann, direkt bevor der nächste Durchgang losgeht, die Arme der Dirigentin in der Luft, ist es so still, dass nicht mal der Fotograf, der um das Gehäuse seiner Kamera extra einen gepolsterten Schalldämpfer gelegt hat, seinen Finger zu krümmen wagt.

„Das lief super an dem Tag“, sagt Judith Kamphues. „Viel besser, als ich befürchtet hatte. Dass die Kinder sich so gut verstanden haben, toll.“ In den Pausen flitzen sie über den Teppichboden, die weiten Gänge rauf und runter, die Winterstiefel haben noch Klettverschlüsse in diesem Alter, das Leben ist gut, singen, toben und mittags gibt’s Nudeln mit Tomatensoße, „jetzt geht’s zur Raubtierfütterung“, sagt ein Mädchen. „Einmal noch mal Kind sein“, sagt einer der Ehrenamtlichen, „diese Energie, Wahnsinn, und gar keine Regeln, die einem den Atem nehmen.“

Und nach dem Essen liegen dann alle auf dem Boden, sie hören sich noch mal das ganze Stück an, aber nur gesprochen, sie sollen sich ausruhen, aktiv entspannen, wenn man so will, und tatsächlich wird es nach ein, zwei Minuten wieder ganz still, die Kinder liegen lang da, die meisten auf dem Rücken, die Augen schräg nach oben, wo eigentlich ein grauer Himmel ist, und deswegen sieht auch keiner das Männlein mit seinem Zottelbart, das draußen vor der Fensterfront auftaucht, eine Fotokamera um den Hals, ein Mützchen auf dem Kopf, neugierig schaut es herein, was da wohl los ist, ein drolliger Kulturtourist auf Durchreise, und dann trollt er sich schon wieder, die riesige Kamera lustig vor dem grauen Parka baumelnd. Mach’s gut, Heinzelmännchen!

Und dann ist es halb drei, und sie stehen alle da, ordentlich in drei Reihen, dunkle Hosen und Röcke, die T-Shirts sind gelb, rot oder blau, nur Marwan hat ein weißes T-Shirt an und um den Hals natürlich das schwarze Tuch, er steht in der letzten Reihe, fast ganz rechts. Es ist mucksmäuschenstill, eng stehen die Erwachsenen beisammen, nur ein paar Meter entfernt, die Eltern, die Geschwister, die anderen Chorleiter und Stimmbildner und Ehrenamtlichen, es sind ja auch ihre Kinder, die da stehen, und alle sind gespannt.

Und wie sie dann singen – miteinander und ein bisschen auch durcheinander, ein bisschen laut ein paar, ein bisschen leiser dafür ein paar andere – da fällt einem auf, dass hier, auf diesen drei Stufen kein normaler Chor singt, nein, eigentlich singt hier Berlin, und damit ist nicht die Stadt gemeint, viel mehr Berlin steht vielleicht auf diesen drei Stufen als je auf der Bühne des großen Saals an einem Konzertabend. Hier, ja, genau hier, im Foyer des Kammermusiksaals, stehen sie, die Kinder der Stadt, die Zukunft, und singen, so laut und so gut sie können. Hellersdorf singt und Schöneberg und Moabit, Annika und Antonia, Marwan und Mariam, Melissa, Helene und Josefine, Lion, Lilli und Wilhelm und all die anderen, sie sind ganz bunt vor all dem Himmelsgrau und sie singen ein bisschen schräg und wild und wunderbar.

Und die Erwachsenen klatschen sehr laut.

In der Woche nach dem großen Auftritt ist es warm geworden, der Frühling blinzelt einem schon zu. Ein neuer Dienstag, eine neue Probe im Stadtschloss in Moabit. „Ich bin so froh“, sagt Judith Kamphues, „und so stolz auf die Kinder.“ Jetzt sei endlich ein bisschen mehr Zeit. „Jetzt sind die Kinder dran.“ Alle sind noch ein bisschen aufgeregt. Aber es geht weiter.

Aufwärmen. „Alle, die was Grünes anhaben, gehen zusammen in eine Gruppe“, ruft Judith Kamphues in den Kinderlärm. „Was ist denn grün?“, fragt ein Mädchen.